/ Von Wolfgang Kasack

Alfred Anderseits "Öffentlicher Brief an den russischen Schriftsteller Konstantin Simonow, zuerst veröffentlicht in der ZEIT (11. März 1977), hat ein kritisches Echo auch in der Bundesrepublik Deutschland gefunden, bei Verlegern, Buchhändlern, Übersetzern aus dem Russischen und Slavisten. Vor allem diese Behauptungen Anderschs werden bestritten: "Russisches fand nicht statt, kam für uns nicht in Frage. Von 1945 bis 1958 tauchte weder ein einzelner sowjetischer Autor noch die moderne Literatur der Sowjetunion auf." Henning Rischbieter erinnert im April-Heft von Theater heute" daran, daß Andersch "die verspätete Rezeption der Romane Bulgakows und, den beginnenden Ruhm Trifonows vergißt, die Lyrik beiseite läßt (also das mindestens zeitweilige Interesse für Jewtuschenko und Wossnesjenski), ebenso das Drama... Am meisten werden noch die Märchenstücke von Jewgenij Schwarz bei uns gespielt... Es hat bei uns einzelne Aufführungen von Stücken Arbusows, Rosows, Dorins, Eidlis’ gegeben, auch im fernsehen ..." Heftig ist die Reaktion der Slavisten. Professor Wolf gang Kasack, Ordinarius für Russische Sprache und Literatur an der Universität Köln, hat der ZEIT auf Anderschs Veröffentlichung diese Entgegnung geschickt, die wir im Wortlaut publizieren.

Ausgangspunkt des "Öffentlichen Briefes an Konstantin Simonow", den Alfred Andersch zuerst in der ZEIT publiziert hat ("Unbekannte Sowjetliteratur", ZEIT vom 11.3.1977; vgl. auch Heinrich Bölls Rezension des Bandes mit Reportagen und Aufsätzen von Andersch, der mit dem Brief an Simonow eröffnet wird, ZEIT 1. April) – Ausgangspunkt ist sein Eingeständnis: "Ich hatte etwas aufgeschoben, eine sehr lange Zeit, was ich niemals hätte aufschieben dürfen – die Begegnung mit der sowjetischen Literatur," Der Schriftstellerverband der UdSSR hatte ihn, den Unerfahrenen, als Gast zu einem Symposium eingeladen, und nun zieht er für die Bundesrepublik Deutschland in der Öffentlichkeit das Fazit aus seiner persönlichen Nicht-Begegnung mit der sowjetischen Literatur: "Und niemand ist auf die doch so naheliegende Idee gekommen, sich mit den Büchern zu beschäftigen, die in der Sowjetunion erschienen sind ... Die Substanz eines Geistes, welcher der Geist nicht eines Landes, sondern eines Kontinents ist, wird unterschlagen."

Dieser ungeheuerliche Vorwurf gegen die deutschen Verleger, Buchhändler, Übersetzer, Rezensenten und uns Universitäts-Slavisten basiert auf einer solchen Unkenntnis der Tatsachen, daß ich um der Ehre all jener willen, die die Begegnung mit der sowjetrussischen Literatur nicht aufgeschoben haben, hier einiges zusammenfassen will.

Es gibt wohl keinen als Schriftsteller bedeutsamen Prosaiker, der in den letzten sechs Jahrzehnten auf russisch geschrieben hat und nicht ins Deutsche übersetzt wäre. Entweder ist er in der Bundesrepublik Deutschland, der Schweiz und Österreich übersetzt und verlegt worden oder die dortigen Verleger haben eine Übersetzung aus der DDR gekauft. Es handelt sich nicht nur um einige Hauptwerke, sondern um eine breite, durch unsere pluralistische Auswahl ausgewogene Repräsentation der literarischen Werke eines anderen Landes. Etwas zu schwach sind noch Drama und Lyrik vertreten (obwohl Blok, Jesenin und Mandelstam gerade in Celan einen genialen Übersetzer gefunden haben). Wichtigwäre für die Zukunft eine stärkere Beachtung der Literaturen der Nicht-Russen, beispielsweise auch der Schriftsteller aus dem Baltikum. Es war eine Bereicherung, als in den letzten Jahren auch Tschuwaschen, Kirgisen, Abchasen und Aserbeidschaner literarisch vorgestellt wurden (Aigi, Aitmatow, Iskander und – demnächst – Ibragimbekow), weil wir Zeuge der Konfrontation der beiden in der UdSSR zusammenstoßenden Kontinente, der europäischen Zivilisation mit der asiatischen Tradition wurden.

Die große Masse der bei uns bekannt gewordenen Schriftsteller aus der UdSSR sind Russen, und hiermacht die vorrangige Beachtung von Pasternak und Solschenizyn in der ganzen Welt einen betrüblichen Tatbestand bewußt – die Abhängigkeit der Literatur von der Politik, wie sie zum erklärten Programm der Kommunistischen Partei der UdSSR gehört. Als Pasternak von Funktionären in Partei und Schriftstellerverband in einer jedem zivilisierten Menschen peinlichen Weise beschimpft wurde (schon Gorkij hatte dieses rüde "Fertigmachen" im Fall Pilnjak angeprangert), berichtete die Weltpresse in natürlicher Wahrung der Menschenrechte darüber. So hatte die politische Ablehnung Pasternaks in der Sowjetunion eine Überbetonung dieses einen Autors zur Folge.

Bei Solschenizyn wiederholte sich die Szenerie, allerdings mit dem wesentlichen Unterschied, daß er als erster sowjetischer Autor eines Buches, das die Wahrheit des Leids im Straflager enthielt ("Ein Tag im Leben des Iwan Dennissowitsch"), in der Sowjetunion zunächst allerhöchste Anerkennung bis hin zur Aufstellung für den Leninpreis errungen hatte. Auch wäre viel überflüssiger Lärm vermieden worden, wenn sich in der Sowjetunion Kräfte wie Simonow durchgesetzt hätten, die sich für die Veröffentlichung des Romans "Die Krebsstation" eingesetzt haben.