Die Abhängigkeit der Beachtung russischer Schriftsteller im Westen von der politischen Entwicklung im Osten ist ein unerfreuliches, aber nicht primär vom Westen zu verantwortendes Phänomen. Babel, Bulgakow, Olescha, Paustowskij und Platonow gehören zu den bedeutenden russischen Schriftstellern der Zeit vor Stalins Tod, die in ihrer Heimat vor 1953/56 gar nicht oder kaum noch publiziert wurden, aber erst ihre in der Zeit des "Tauwetters" erfolgte literarischpolitische Rehabilitierung in der Sowjetunion hatte zur Folge, daß bei uns Übersetzungen verlegt wurden. Erst seit die russische Gegenwartsliteratur Anfang der siebziger Jahre ihre erneute Spaltung erfahren hat und vieles auch auf russisch nur im Westen erscheint, hat diese Abhängigkeit nachgelassen. Autoren und Bücher werden bei uns unabhängig von ihrer Achtung oder Mißachtung in der Sowjetunion bekannt.

Blicken wir nun, um anschaulich zu machen, in welchem Umfang die Substanz des russischen, in der Literatur manifestierten Geistes bei uns präsentiert wird, beispielhaft auf die Übersetzungen der Jahre 1974 bis 1976. Für diesen Zeitraum sind wirnicht von subjektiv-zufälliger Information abhängig, sondern können auf annähernd Vollständige Unterlagen zurückgreifen, die sich mit meinen Mitarbeitern des Kölner Universitätsinstituts (auch von Verlegern unterstützt und von der Deutschen Bibliothek, Frankfurt, überprüft) erarbeiten ließen. (Neuauflagen sind nur berücksichtigt, wenn die Erstausgabe einige Jahre zurückliegt oder in einem anderen Verlag erfolgte.) Aus der neueren russischen Literatur sind allein in diesen drei Jahren 103 Bücher in deutscher Spache in der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und der Schweiz verlegt worden. Davon sind drei Viertel auf russisch in der Sowjetunion erschienen, ein Viertel wurde dort nicht veröffentlicht, kann also nicht als "Sowjetliteratur" gelten. Schon die Verwendung dieses Begriffs impliziert die Unterordnung der Literatur unter die Tagespolitik. Literatur ist sprachliches Kunstwerk, ist an die Sprache gebunden. Es ist das Verdienst unserer Verleger, daß sie in den Übersetzungen die Spaltung der heutigen russischen Literatur aufheben.

Was uns an der russischen Gegenwartsliteratur zunächst interessiert, ist der dichterisch gestaltete Einblick in die heutige sowjetische Gesellschaft. Da stehen in dem kurzen Berichtszeitraum 1974/76 an erster Stelle der in der Sowjetunion anerkannten Autoren Valentin Rasputin und Jurij Trifonow. Der Sibirier Rasputin trat 1976 mit zwei Romanen erstmals ins Bewußtsein des Westens. "Die. letzte Frist", eine ausgewogene und tiefe Schilderung vom Sterben einer alten Bäuerin, gehört zur sogenannten russischen "Dorfprosa", die noch durch W. Belows "Zimmermannsgeschichten" vertreten ist. Ihr nahe steht die Tier- und Naturprosa in der Tradition Paustowskijs, vertreten durch Jurij Kasakow (zweisprachig) und G. Trojepolski. Rasputins vornehmlich sittliches Anliegen läßt sich auch in den Romanen des Moskauers Trifonow, die man eher als Stadtprosa bezeichnen kann, erkennen. Dem 1974 wieder aufgelegten "Tausch" folgten "Langer Abschied" und "Das andere Leben". Jeder der Kurzromane beleuchtet auf andere Weise die Probleme in der sowjetischen Großfamilie.

Fakten aus der literaturpolitischen Szenerie seit 1962 bot Alexander Solschenizyn in der dokumentarischen Darstellung "Die Eiche und das Kalb" (auf die Wichtigkeit dieses Buches zum richtigen Verständnis Solschenizyns wurde Andersch von Heinrich Böll hingewiesen, ZEIT 1. 4. 1977). In der Tradition der Produktionsromane früherer Zeiten steht eine Geschichte vom sozialistischen Goldschürfen von O. Kuwajew. Mit seinem Roman "Nach der Dämmerung" ermöglicht uns Ternowski als erster einen Einblick in das heutige geistige Suchen der vom Materialismus ohne Antwort gelassenen Menschen.

Neben diesen nüchtern realistischen Werken stehen die satirischen. Fasil Iskander verbindet kaukasische Folklore mit humorvollen Zeitbildern in seinem Schelmenroman "Onkel Sandro aus Tschegem", Wladimir Woinowitsch hat mit der nur im Westen veröffentlichten Satire "Die denkwürdigen Abenteuer des Soldaten Iwan Tschonkin" eine köstliche Tragikomödie geschah fen. Drei Bücher der bedeutendsten lebenden russischen Science-fiction-Autoren A. Und B. Strugazki veranschaulichen die Möglichkeiten nichtrealistischer Kunst in der Sowjetunion. Abram Terz (Sinjawskij), der überzeugte Anti-Realist, hat sich in seiner "Stimme im Chor" ganz vom chronologischen Erzählen gelöst.

Gut vertreten sind die Auseinandersetzungen mit der Stalinzeit. 1974/76 erschienen Übersetzungen von A. Bek, L. Kopelew, W. Kornilow, W. Maximow, W. Schalamow, L. Tschukowskaja und G. Wladimow. Sie machen bewußt, wie stark das Bedürfnis russischer Autoren nach wahrheitsgemäßer Gestaltung dieser Zeit ist, lassen ahnen, wie falsch es ist, sie den Menschen in der Sowjetunion vorzuenthalten.

Die literarisch höchst unterschiedliche Bewältigung des Zweiten Weltkriegs durch die Russen läßt sich schon an den Übersetzungen des kurzen Analysezeitraums nachvollziehen. Es sind Standardwerke des Sozialistischen Realismus von B. Polewoi und A. Fadejew sowie der Riesen-Blockade-Roman A. Tschakowskis, der auch Stalin wieder zu Ehren kommen läßt, vertreten, wir finden den in der Tradition Viktor Nekrassows stehenden Autor Jurij Bondarew, aber auch Alexander Solschenizyns Ostpreußenverse, Kornilows Fraueneinsatzschilderungen von 1941 und Rasputins erschütternde Deserteurtragödie.