Selbst an der russischen Renaissance der historischen Romane nehmen wir gleich mit drei Werken teil, zwei von Bulat Okudschawa und einem von Jurij Trifonow. Auch sowjetische Kinderbücher werden regelmäßig übersetzt (Barusdin, Michalkow, Pantelejew und viele andere.) Natürlich sind auch die großen russischen Meister Kawerin und Bulgakow wieder verlegt (wieviel Gutes ist von ihnen bei uns übersetzt!), auch die seit langem bekannten Axionow, Granin, Katar jew und Panowa sind wieder auf dem Markt.

Wie stark die russische Gegenwartsliteratur bei uns integriert ist, zeigt auch die Liste der 1974/76 aufgelegten Autoren aus den zwanziger Jahren, unter denen jeder literarisch Interessierte vielen vertrauten Namen begegnet: Bely, Bogdanow, Bunin, Ehrenburg, Gorki, Kolzow, Majakowski, Samjatin, Schklowski, Schmeljow, Soschtschenko und Tretjakow. Es sind alles in der Sowjetunion publizierte Autoren, deren Anerkennung in ihrer Heimat allerdings sehr schwankte.

Das Angebot allein in den geprüften drei Jahren ist so groß, daß selbst der Interessierte nur einen Teil aufnehmen kann. Es steht in einer jahrelangen verlegerischen Tradition, die es auch dem der russischen Sprache nicht Mächtigen ermöglicht, an der Vielfalt in Thematik, Zeit- und Geschichtsverständnis, auch an der Mannigfaltigkeit der Darstellungsform teilzunehmen. Die Forderung des Kreml, die im eigenen Land gedruckte Literatur müsse ein politisch einheitliches Verständnis der Gesellschaft abgeben, bringt es mit sich, daß die in der UdSSR veröffentliche Literatur die Substanz des russischen Geistes nicht vollständig spiegeln kann. In den Übersetzungen aber kommen neben offiziell hoch anerkannten oder geduldeten auch die zur Zeit unerwünschten Autoren zu Wort. So spiegelt sich der russische Geist in den Übersetzungen vielfältiger als in den von der Zensur genehmigten Büchern der Heimat.

Die angeführten Zahlen, Namen, Themen-, bereiche, Titel und Hinweise illustrieren äußere Vielfalt. Die künstlerische Reife und menschliche Tiefe vieler der genannten Werke konnte nicht einmal angedeutet werden. Sie aber ist es, die eine Begegnung mit der russischen Literatur lohnt. Menschliche und politische Erfahrung läßt sich aus Literatur ziehen und für eigene Entscheidungen nutzen. Das reiche Angebot dürfte von vielen angenommen werden, sonst gingen die Verleger das stete Risiko nicht ein.

Wer lesen kann – und lesen will, braucht nur zuzugreifen.