"zehn neun" am Ende

Eine Künstler-Kooperative scheiterte am eigenen Modell

Ende vergangenen Monats brachte die Post mehreren hundert Bundesbürgern ein Sonderangebot besonderer Art ins Haus. Auf zwei dicht beschriebenen DIN-A 4-Seiten wurden ihnen 157 Graphiken und Objekte mehrerer bekannter Künstler der jüngeren und mittleren Generation – darunter K. P. Brehmer, Harald Duwe, Siegfried Neuenhausen, Joachim Palm, Peter Sorge und Klaus Staeck – zum "Liquidationsrabatt" von 25 Prozent angeboten.

Die einmalige Offerte kam aus Berlin. Absender war die "zehn neun Kunst-Produktions-& Vertriebs-Gesellschaft, mbH", die in einem Begleitschreiben zugleich ihr Ende bekanntgab: "Nach acht Jahren ist es soweit: wir müssen ‚zehn neun‘ auflösen." Der zweite Versuch einer Künstlerkooperative in der Bundesrepublik ist damit gescheitert.

"zehn neun" (benannt nach dem Postfach des Unternehmens) war 1969 in München mit großen Erwartungen gegründet worden. Damals, auf der Höhe des Graphikbooms und des gesellschaftskritischen Engagements, das sich nicht zuletzt gegen den "ausbeuterischen Kunsthandel" wendete, vertraten viele Künstler die Auffassung, man solle den Vertrieb der eigenen Werke selber in die Hand nehmen. Wenn man den Händlerrabatt, der bei Graphik zwischen 50 und 66,3 Prozent ausmacht, einspare, könne die Kunst billiger werden und die Künstler könnten selber mehr verdienen.

Die Konzeption des Modells schien einleuchtend: Alle Mitglieder der Kooperative, zu der anfänglich auch so erfolgreiche Künstler wie Peter Ackermann, Peter Nagel und Dieter Asmus gehörten, mußten jedes Jahr zwei bis drei graphische Arbeiten liefern – nach eigener Wahl.

Da die "zehn neun"-Mitglieder vor allem junge Leute ansprechen wollten, wurden die Preise bewußt niedrig gehalten. Noch im Katalog 2 von 1974 kosteten die Blätter mit Auflagen zwischen 100 und 150 Exemplaren nur 100 bis 200 Mark, Arbeiten mit höheren Auflagen waren für zweistellige Summen zu haben. Noch wesentlich billiger wurde die Kunst den Abonnenten angeboten, die sich verpflichten mußten, pro Jahr sechs Blätter abzunehmen oder mindestens für 400 Mark einzukaufen.

Bei der Honorierung der Künstler wurden verschiedene Modelle praktiziert.Zunächst wurde der Gewinn – unabhängig von Erfolg und Qualität der einzelnen Blätter – gleichmäßig auf alle Mitglieder der Kooperative verteilt. Später bekamen die Künstler für jede gelieferte Arbeit ein Einzelhonorar: Die Solidarität, durch den unterschiedlichen Erfolg der Maler und Graphiker auf dem deutschen und internationalen Markt gefährdet, bröckelte ab. Die Erfolgreichen wollten die weniger Bekannten nicht länger subventionieren, mehrere verließen die Kooperative.

"zehn neun" am Ende

Dabei hatte sich die Solidarität der Einzelgänger anfänglich bewährt: Das Angebot war qualitativ gut, wenn auch thematisch und stilistisch relativ eng begrenzt. Die meisten Arbeiten stammten von kritischen, Realisten, die in den sechziger und frühen siebziger Jahren starkes Interesse fanden. Die Kundenkartei von "zehn neun" umfaßte damals mehr als tausend Namen.

Doch der Erfolg dauerte nur ein paar Jahre. Bereits 1972/73 begann der Abstieg. Es zeigte sich, daß die künstlerische Palette zu klein war. Peter Sorge heute: "Die Abonnenten wollten andere Leute." Hinzukam, daß der Graphikboom, der zu einer Inflation von Blättern und Auflagen geführt und viele Graphikkäufer verschreckt hatte, spürbar nachließ. Der Versuch von "zehn neun", selber auch mit hohen Auflagen Umsatz zu machen, förderte eher noch den Abwärtstrend. Die Zahl der Abonnenten verringerte sich um die Hälfte. Entsprechend sank der Absatz.

Seit drei Jahren bekommen die fünfzehn Mitglieder von "zehn neun" nicht einmal mehr Honorar für ihre Arbeiten – eine Tatsache, die sich nicht gerade günstig auf die Qualität und damit auch auf die Attraktivität des Angebots auswirkte. Dennoch versuchten die Künstler zu retten, was zu retten war. Einige übernahmen zugunsten ihres Unternehmens Bankbürgschaften über 2000 bis 4000 Mark.

Anfang dieses Jahres wurde dann Bilanz gezogen. Man kam zu der Erkenntnis, daß – um "zehn neun" wieder rentabel zu machen – eine gut funktionierende Geschäftsstelle mit hauptamtlichem Geschäftsführer und mindestens zwei Hilfskräften eingerichtet werden müßte. Dafür aber wären acht- bis zehntausend Mark pro Monat erforderlich – ebensoviel wie eine traditionelle Galerie kostet, zuviel, so meinten die Mitglieder, für "zehn neun". Am 28. Januar wurde beschlossen, die Kooperative aufzulösen und die Schulden bei den Mitgliedern durch Sonderangebote an Museen und Abonnenten zu tilgen.

Heidi Dürr