Dabei hatte sich die Solidarität der Einzelgänger anfänglich bewährt: Das Angebot war qualitativ gut, wenn auch thematisch und stilistisch relativ eng begrenzt. Die meisten Arbeiten stammten von kritischen, Realisten, die in den sechziger und frühen siebziger Jahren starkes Interesse fanden. Die Kundenkartei von "zehn neun" umfaßte damals mehr als tausend Namen.

Doch der Erfolg dauerte nur ein paar Jahre. Bereits 1972/73 begann der Abstieg. Es zeigte sich, daß die künstlerische Palette zu klein war. Peter Sorge heute: "Die Abonnenten wollten andere Leute." Hinzukam, daß der Graphikboom, der zu einer Inflation von Blättern und Auflagen geführt und viele Graphikkäufer verschreckt hatte, spürbar nachließ. Der Versuch von "zehn neun", selber auch mit hohen Auflagen Umsatz zu machen, förderte eher noch den Abwärtstrend. Die Zahl der Abonnenten verringerte sich um die Hälfte. Entsprechend sank der Absatz.

Seit drei Jahren bekommen die fünfzehn Mitglieder von "zehn neun" nicht einmal mehr Honorar für ihre Arbeiten – eine Tatsache, die sich nicht gerade günstig auf die Qualität und damit auch auf die Attraktivität des Angebots auswirkte. Dennoch versuchten die Künstler zu retten, was zu retten war. Einige übernahmen zugunsten ihres Unternehmens Bankbürgschaften über 2000 bis 4000 Mark.

Anfang dieses Jahres wurde dann Bilanz gezogen. Man kam zu der Erkenntnis, daß – um "zehn neun" wieder rentabel zu machen – eine gut funktionierende Geschäftsstelle mit hauptamtlichem Geschäftsführer und mindestens zwei Hilfskräften eingerichtet werden müßte. Dafür aber wären acht- bis zehntausend Mark pro Monat erforderlich – ebensoviel wie eine traditionelle Galerie kostet, zuviel, so meinten die Mitglieder, für "zehn neun". Am 28. Januar wurde beschlossen, die Kooperative aufzulösen und die Schulden bei den Mitgliedern durch Sonderangebote an Museen und Abonnenten zu tilgen.

Heidi Dürr