Was heute in Deutschland geschieht, ist faszinierend. Wenn ich die zehn wichtigsten Filme meines Lebens aussuchen sollte, wäre Werner Herzogs "Jeder für sich und Gott gegen alle" einer von ihnen. Ich fand ihn unglaublich, weise, tief und schön. Auch von der "Verlorenen Ehre der Katharina Blum" und von Rainer Werner Fassbinders Arbeit war ich sehr beeindruckt. Aber die Deutschen sprechen nicht über diese Filme und sehen sie auch nicht

Ingmar Bergman in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin ,,Newsweek"

Brechts Erben, Brechts Sterben

Man hatte die Nachricht lange erwartet – so lange, daß sie nun kaum noch jemanden erschüttert: Ruth Berghaus, seit 1971 Intendantin am Berliner Ensemble, wird (muß) ihren Posten aufgeben. Zur Nachfolge steht eine Führungs-Troika bereit, die Brechts Theater auf den strengen Kurs der Brecht-Orthodoxie zurückbringen wird: der Regisseur und Brecht-Schüler Manfred Wekwerth, der Schauspieler und Brecht-Schwiegersohn Ekkehard Schall, die Brecht-Tochter und Schauspielerin Barbara Berg. Administrativ beendet ist somit der zunächst elanvoll, später nur noch zaghaft unternommene Versuch, Brechts Theater vor seinem Dahindämmern als Brecht-Museum zu retten. Ruth Berghaus selber ("Im Dickicht der Städte", "Zement"), vor allem aber die jungen Regisseure Einar Schleef und B. K. Tragelehn ("Frühlings Erwachen", "Fräulein Julie") hatten mit ihren intellektuellen, artistischen Inszenierungen wenigstens zeitweise jene graue sozialistische Andacht aus dem Theater vertrieben, die nach Brechts Tod das Kennzeichen von Brechts Bühne geworden war. Seit dem Eklat um "Fräulein Julie" (die Berghaus mußte die Aufführung nach wenigen – ausverkauften – Vorstellungen absetzen) war klar, daß die Tage der Intendantin gezählt sind; war abzusehen, daß die Familie Brecht ihr bedrohtes Erbe wieder in Obhut nehmen würde. Für das nächste Jahr (Brecht wird 80) verspricht die neue Theaterleitung schöne, festliche Theateraufführungen: einen neuen "Galilei", eine neue "Mutter Courage". Bei den Jubelfeiern wird man dann auch, neben dem Wohlklang von Festansprachen, Funktionärs-Grußbotschaften und sauber einstudierten Klassiker-Inszenierungen, einen Mißton vernehmen: ein bitteres Gelächter vom armen B. B.

Journalistenpoesie I: Ostern geistlich

Was haben wir da wieder versäumt! Mit tränenden Händen, zitterndem Aug’ liest unsereins die Berichte von Karajans Oster-Festspielen in Salzburg. Als "katholische Kreuzwegandacht, Beitrag zur Heiligsprechung Bachs, breitgedehnt, gefühlsselig, in Weihrauch gehüllt" erlebte der aus dem katholischen München ins fromme Salzburg geeilte musikalische Pilgersmann der "Süddeutschen Zeitung" Karajans Interpretation der "Matthäus-Passion". Er geriet in eine "Versammlung von vokalen Lyrikern". Da hören wir den Tadelston, wenn festgestellt wird, daß "Karajans langsame Tempi dem Bassisten Tom Krause schier den Atem ausbliesen". Gott Lob und Dank wurde aber bei diesem "katholischen Mysterienspiel" sonst "nirgends gespart": "Sogar der Tölzer Knabenchor war für zehn Minuten da." Unser Gewährsmann scheint mit einem musikalischen Heiligenschein der nächsten kulinarischen Andachts-Stätte zugestrebt zu sein, sonst könnte er nicht, ehe er sich zum tapfer verdienten Abendmahle niederließ, seiner Redaktion noch diese Schlußzeilen als Vermächtnis hinterlassen haben: "Als ich mit allen Zeichen der Verinnerlichung im Gesicht auf die Getreidegasse trat, grüßte mich ein sichtlich einer Schnapskneipe entwichener Zeitgenosse mit einem ehrfürchtigen ,Grüß Gott, Hochwürden‘. Es steht zu befürchten, daß er mir nach dem ‚Troubador‘ den Ring küssen will."

Journalistenpoesie II: Ostern weltlich

Der Oster-Urlauber, der für die "Welt" in Salzburg schlemmen durfte, geht mit dem Sportgeist des Fußball-Berichterstatters in die musikalische Arena. Nach Karajans "Matthäus-Passion wie aus Marzipan" meldet er: "Am nächsten Tag kam die Revanche." Jetzt spielten der Libero am Pult und seine philharmonische Mannschaft den "Troubadour" mit "jener genau akzentuierenden Leidenschaft, die Verdis Partitur erst in Flammen setzt. Sie schlugen höher als je zuvor. Aus Azucenas Scheiterhaufen machten sie ein Instrumentalfeuerwerk". Dem Pyrotechniker der "Welt" schwinden darob die Sinne. Er hört, was noch niemand vernommen: "Karajan brachte die dramatische Kralle zu Gehör." Ist ihm Fiorenza Cossotto "eine Sängerin der orgelnd üppigen Wirkung, der fetten Effekte", so sieht er Piero Cappuccilli wieder mit den Ohren, hört ihn mit den Augen: "Seine Stimmbänder stöhnen Töne stets auf besonders feine Weise daher, doch – ein Opern-Laokoon – scheint er von ihnen auf anatomisch merkwürdige Art gleichzeitig immer gefesselt zu sein: Dramatische Leichenstarre." Da kommt unser "Welt"-Mann ins Träumen, säße er doch lieber auf dem Fußballplatz: "Franco Bonisolli sang, als wolle er den Vorhang des Allerheiligsten, des Großen Festspielhauses zerreißen: ein Theater-Torwart, der keine Sekunde Angst vor dem vokalen Elfmeterschuß kennt."