Jeder zehnte strandet ohne Schulabschluß

Von Heiner Michel

Kürzlich war ich eingeladen, und das Abendgespräch drehte sich um Schule und Um Kinder, und ein zehnjähriger Junge erzählte von seinen Erfahrungen, seinen Erlebnissen, und er sagte, daß er im Deutschen einige Schwierigkeiten hat, auch Ängste, weil er vor allen Dingen im Diktat oft Fünfen schreibt. Aber, fuhr er fort: "Im Rechnen bin ich sehr gut, da bin ich einer der Besten in der Klasse." Und darin kam der entscheidende Satz, er sagte ganz stolz: "Aber abschreiben lasse ich keinen." Die ganze Runde brach in fröhliches Lachen aus. Das war ein pfiffiges Kerlchen, der wußte, wie es in der Welt zugeht und wie man’s anstellen muß, damit man nach vorn kommt.

Ich konnte nicht lachen, im Gegenteil, mir lief es kalt über den Rücken. Der Junge, der da vor uns stand, war für mich schon sozial verkrüppelt. Das klingt hart, aber wir können ja mal die Situation dieses Kindes überlegen und können uns von da aus einige Gedanken machen über die Situation, in der sich unsere gesamte Schule befindet. Dieser Junge hatte also gesagt: "Abschreiben lasse ich keinen", und das sagte er, obgleich er selbst in anderen Fächern dringend Hilfe von Klassenkameraden benötigen könnte. Diesem Jungen hatte die Schule also in den ersten vier Jahren beigebracht: Es ist zweckmäßig, es ist richtig, es ist gut, wenn du den anderen Hilfe verweigerst, denn sie werden dir im wichtigen Moment auch keine Hilfe geben, du kommst nur weiter, wenn du dich allein durchsetzt.

Das ist eigentlich eine Erziehung zum Gesetz des Dschungels: der Stärkere wird siegen. Dieser Junge hat sicher von seinen ersten Schultagen an zwei Regeln mit auf den Weg bekommen: du darfst nicht mit dem Nachbarn schwätzen, und: du darfst nicht abschreiben. Die Anthropologie lehrt uns, daß Menschen erst dadurch zu Menschen werden, daß sie mit anderen Kommunikation aufnehmen. Isoliert, für sich allein, ist der Mensch eben kein Mensch. Wenn das so ist, dann tut die Schule doch etwas ganz Merkwürdiges, wenn sie Kinder dazu dressiert, daß sie eben nicht mit dem Nachbarn Kommunikation aufnehmen, sondern Kommunikation abbrechen und verweigern und Hilfe verweigern.

"Du darfst nicht mit dem Nachbarn reden", dieses Gesetz gilt, außer in der Schule, auch im Gefängnis, beim Militär und weitgehend in der Fabrik. Und das ist gar nicht zu verwundern. Im 18. Jahrhundert, in der Zeit der absoluten Fürsten, wurden Schule, Fabrik, Militär und Gefängnis nach dem gleichen System organisiert. Alle vier Institutionen hatten die Aufgabe, gehorsame Untertanen zu erziehen. Dieses Erziehungsprinzip wurde dann durch die Französische Revolution, durch die Aufklärung und vor allen Dingen durch die Schulreform in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts gründlich in Frage gestellt. Merkwürdigerweise kommen jetzt die Regeln, die zur Zeit der absoluten Monarchen galten, wieder in unser Schulsystem zurück. Jetzt ist es nicht der Herrscher, der diese Forderungen stellt, jetzt sind es anonyme Mächte, wie die Wirtschaft oder die Industrie oder die Leistungsgesellschaft, die Kommunikation unter Schülern unterbinden.

Angst als Bremse