Afrikanisches Roulette: Auf dem Spiel steht die Entspannung

Von Theo Sommer

Machen die Kommunisten Afrika zur Austragungsstätte der nächsten Runde im Ost-West-Konflikt – und zum Friedhof der Entspannung? Oder sind die Scharmützel in Zaires Südprovinz Shaba bloß unvermeidliche und unbedeutende Stammesfehden – unnötig verschärft durch die Einmischung der Marokkaner, Ägypter, Franzosen?

Die Antwort fällt allenthalben verschieden aus. Carters UN-Botschafter Andrew Young – einen "Windbeutel" nannte ihn die Präsidentenmutter im Fernsehen – betrachtet Washingtons Afrikapolitik als Verlängerung der Bürgerrechtsbewegung und wirft dem Westen "Verfolgungswahn angesichts einiger oder auch einiger tausend Kommunisten" vor. Außenminister Vance hingegen diagnostizierte eine "gefährliche Situation" und genehmigte militärische Hilfslieferungen, wenngleich keine Waffen, nur non-lethal, nicht zum Töten geeignetes Gerät. Vizepräsident Mondale soll nun der seit Henry Kissingers Abgang von der Weltbühne unscharf gewordenen amerikanischen Afrikapolitik neue Konturen ziehen.

Auch in der Europäischen Gemeinschaft gehen die Meinungen auseinander. "Im Namen Europas", nach vorheriger Unterrichtung der Partner, habe er die französische Luftbrücke für marockanische Truppen nach Zaire angeordnet, erklärte Giscard d’Estaing in der vorigen Woche, als "Signal der Sicherheit und Signal der Solidarität", als "Zeichen einer unabhängigen und verantwortlichen Politik" – unabhängig von Amerika, wie er ausdrücklich hinzufügte. Diese Woche freilich mußte Giscards Außenminister angesichts mancher Kritik zu Protokoll geben, Paris habe nicht im Namen der Europäischen Gemeinschaft gehandelt.

In der Tat wird die Kongo-Luftbrücke in den EG-Hauptstädten verschieden beurteilt. Die ehemalige Kolonialmacht Belgien ist am weitesten gegangen und hat sogar Waffen geliefert. Das Bonner Kabinett schloß sich der französischen Solidaritätsaktion mit Ausrüstungslieferungen im Werte von fünf Millionen Mark an und entsendet – unsere Abart der nicht-tödlichen Waffe – Mitte Mai Bundesaußenminister Genscher nach Kinshasa. Der englische Premier warnte die Russen offen davor, sich in Afrika einzumischen; die Entspannung sei unteilbar. Demgegenüber stellen sich die, Niederlande, Irland und Dänemark auf den Standpunkt, der Westen dürfe in Zaire nicht die Fehler wiederholen, die er schon in Angola gemacht habe.

Bei soviel Verwirrung, ja Verworrenheit des Urteils hilft nur eines: das Problem Afrika in seine Einzelteile zu zerlegen. Drei Konfliktelemente muß eine saubere Analyse auseinanderhalten: die Zerbrechlichkeit der meisten afrikanischen Staaten; den Zusammenprall von Schwarz und Weiß im südlichen Afrika; schließlich die Einmischung der Sowjets und der Kubaner, die das Öl einer revolutionären kommunistischen Ideologie in die offen oder verdeckt schwelenden Krisenherde des Schwarzen Erdteils gießen.