Wer besser verstehen will, warum die SPD bei den Wählern zunehmend in Mißkredit gerät, dem wurde auf dem Hamburger Landesparteitag am vergangenen Wochenende ein Lehrstück vorgeführt. Ein Jahr vor der wichtigen Bürgerschaftswahl kopierten die hanseatischen Sozialdemokraten, was ihre Genossen in Berlin, München oder Frankfurt längst aus dem Effeff beherrschen: Die Partei durch interne Zänkereien ins schiefe Licht zu rücken.

Die Anlässe zur rhetorischen Selbstzerfleischung sind vielerprobt. "Chile" und "Berufsverbot" gehören weiter zu den Reizwörtern, die ihre emotionale Sprengkraft für die Partei noch nicht verloren haben. Als neuer Stein des Anstoßes wurde auf dem Parteitag die reichlich theoretische Frage eingebracht, ob denn die SPD in einem direkt gewählten Europaparlament wirklich lieber mit den Gaullisten als mit den Kommunisten zusammenarbeiten sollte.

Den Graben zwischen Jusos nebst wachsender Mitläuferschar und den gemäßigteren Delegierten zu zementieren, vollbrachte schließlich der Streit über die innere Sicherheit. Die Abhöraffären der letzten Wochen treiben zumal den Jusos noch immer die Zornesröte ins Gesicht. Doch was die lautstarken Eiferer für den Rechtsstaat unglaubwürdig machte, war, daß sie die Morde von Karlsruhe mit keinem Wort erwähnten.

Es wäre an Willy Brandt gewesen, die linkslastige Diskussion wieder ins Lot zu bringen. Aber der Ehrengast spielte auch auf dem Hamburger Parteikongreß seine leider immer geläufigere Rolle: Juso-Vertreter extrem links, die Etablierten gemäßigt rechts und der Bundesvorsitzende im Niemandsland der begütigenden Formeln.

Ein paar Ohrfeigen Brandts für den großmäuligen Nachwuchs und die Beschwörung der großen Parteitradition gössen kein Öl auf die Wogen, die die Führung der hanseatischen SPD in Bedrängnis brachten. So mußten Bürgermeister Klose und seine Mitstreiter aus Senat und Bürgerschaft ohne konkrete Schützenhilfe des Bundesvorsitzenden den Kampf bestehen, bei dem es um die politische Macht in Hamburg ging.

"Verwaltungsreform" hieß das Stichwort für den Konflikt um Kompetenzen. Sie sieht vor, daß die sieben Bezirke der Hansestadt künftig mehr Rechte für ihre Verwaltungen und Parlamente erhalten – auf Kosten des Senates und der Bürgerschaft, die bisher das Sagen hatten.

"Größere Transparenz" und "mehr Bürgernähe" erwarten sich die Befürworter von der Machtverschiebung, die noch in dieser Legislaturperiode gesetzlich verankert werden soll. Vor "Verwaltungsmischmasch" und "Atomisierung der Entscheidungsprozesse" warnten die Senatsmitglieder.