Diese Stadt läßt vergessen, daß sie in einem sozialistischen Land liegt

Von Eduard Neumaier

Natürlich ist es nicht jedermanns Sache, seine kostbaren Urlaubstage in einer Zweimillionenstadt zu verbringen, nicht in einer westlichen und erst recht nicht in einer kommunistischen. Man kann das Politische ja auch als Tourist nicht einfach ignorieren. Zumindest ist es eine legitime Überlegung, ob es sich lohnt, die teilweise erheblichen Unterschiede in Komfort, Vergnügung und Verpflegung in Kauf zu nehmen und dafür auch noch durch schlechte Umtauschrelationen und vielfach überhöhte Preise zu bezahlen.

Zum Beispiel halte ich Moskau als Ausflugsziel für einen gigantischen Irrtum, der durch das Kloster Sagorsk, durch den Kreml und einige wenige Sehenswürdigkeiten wie den Arbat nur mühsam entschuldigt werden kann. Warschau, das wäre ja etwas, schon der Menschen und der wiederaufgebauten Altstadt wegen – aber auch dort wäre nach normalem touristischen Maßstab ein reiner Urlaubsaufenthalt eine Fehlinvestition. Die Gastronomie ist überfordert. Ostberlin ist am schönsten von Westberlin aus. Prag wiederum rechtfertigte allemal eine Reise, wenn sich das politische Klima dort nicht mißtrauenbildend auf die Menschen gelegt hätte. Bukarest ist immer einen Kurzbesuch wert, wenn man im Lande ist.

Aber Budapest! Diese Stadt läßt am ehesten vergessen, daß sie in einem sozialistischen Land liegt. Eine Stadt, die die Atmosphäre der Jahrhundertwende konserviert zu haben scheint und sie ihren Gästen in reichlichen Portionen überläßt. Gastlichkeit ist dort keine Funktion des Fremdenverkehrs, sondern immer noch eine der Ursachen seines Wachstums. Sie begegnet einem auf Schritt und Tritt in den Restaurants und den Hotels, wo der Tourist aufmerksam bedient wird; in den Museen, wo die Aufpasser nicht grummelnd auf die Fragen reagieren, sondern zuvorkommend erläutern; auf den Straßen, auf denen man sich nie verlassen zu fühlen braucht; ratlos an der Omnibus-Haltestelle stehend, bietet ein Budapester seine Hilfe an; wer mit dem Auto kommt, hat womöglich schnell einen hilfsbereiten Bürger nefen sich sitzen, der ihn erst Zum Ziel und dann durch die Innenstadt führt; eine geschichtsbezogene Frage an den Geschäftsführer etwa des Restaurants "Fortuna" auf dem Burgberg in Buda gestellt – und der breitet sein eindrucksvolles Wissen des langen und breiten aus. Es sind Erfahrungen solcher Art, die Budapest nahebringen und einen Ferienaufenthalt nicht als absurd erscheinen lassen.

Wer Freude an Historie hat, ein Auge für Stadtlandschaften, ein Faible für südosteuropäische Mentalität, eine Schwäche für andere Küche, und wem Kultursinn nicht verkümmert ist, der sollte Budapest wagen – den Hinweis, daß die Stadt knapp die Hälfte der beträchtlichen ungarischen Industrie angezogen hat, unterschlagen wir deshalb nicht, weil sie den Besucher aus dem Westen nicht einmal dann tangiert, wenn er mit dem Wagen anfährt. Da kommt er von Wien her über den bergigen Stadtteil Buda – und die Industrie ist vorwiegend auf der topfebenen Pester Seite, und zwar außerhalb des touristisch interessanten Raumes angesiedelt. Nur wer einfliegt, durchfährt auf dem Weg in die Stadt den Industriebereich. Wer indessen mit dem Orient-Express anrollt, oder sich in Wien für viereinhalb Stunden dem Tragflügelboot anvertraut, der kommt mitten in jenem Budapest an, das ihn sofort in Bann schlägt.

Es ist das von Tradition geprägte, von keinen modernen Zweckbauten entstellte Budapest. Herr Imre Arranyossy, Direktor des staatlichen Reisebüros Ibusz, möge verzeihen, daß auch wir dem westdeutschen potentiellen Budapest-Reisenden die historische Stadt anempfehlen – aber außer Fachinteressierten wird das Budapester Industriezentrum oder die neue 13 Kilometer lange U-Bahn niemanden anlocken.