Bei Gewerkschaften und Arbeitgebern wachsen die Zweifel am Anti-Streik-Pakt

Als Krönung seiner gewerkschaftlichen Laufbahn hätte I. W. Abel in diesem Jahr am liebsten einen Tarifvertrag ausgehandelt, der die amerikanischen Stahlarbeiter zu "Stahlbeamten" mit lebenslangem garantiertem Einkommen befördert hätte. Was der Stahlarbeiter-Boß, der Ende Mai in den Ruhestand tritt, zusammen mit seinem gewählten Nachfolger Lloyd McBride den größten US-Stahlkonzernen tatsächlich für die kommenden drei Jahre abgehandelt hat, ist von diesem Ziel freilich noch weit entfernt.

Nur mit Müh’ und Not lassen sich einige Bestandteile des Abkommens als "ersten Schritt" in Richtung auf ein lebenslanges Garantieeinkommen interpretieren. Dazu gehört die Regelung, wonach Stahlarbeiter jetzt nach zwanzig Dienstjahren damit rechnen können, im Falle der Arbeitslosigkeit 104 Wochen (statt bisher 52 Wochen) Arbeitslosengeld aus den Firmenkassen zu bekommen. Addieren sich die Arbeitsjahre und das Alter eines Arbeiters auf 65, kann er künftig bei Arbeitslosigkeit auch in den Ruhestand treten.

Nach ersten Schätzungen werden diese Abmachungen zusammen mit der Erhöhung des Basislohnes um jährlich etwa fünf Prozent und der an die Inflationsrate gekoppelten Lohngleitklausel die Arbeitskosten der Stahlindustrie bis zum Ablauf der dreijährigen Laufzeit des Vertrages um gut dreißig Prozent erhöhen. Das wäre etwas mehr, als im vergangenen Jahr in der Auto-, Öl- und Papierindustrie ausgehandelt wurde. Zahlreiche andere Arbeitnehmer – beispielsweise in der Aluminiumindustrie, aber auch die Dockarbeiter oder die Eisenbahner – werden sich wohl an diesen Tarifabschluß für die rund eine halbe Million gewerkschaftlich organisierter Stahlarbeiter anhängen.

Bei den lokalen Funktionären der Stahlarbeitergewerkschaft hat das Ergebnis der Tarifverhandlungen allerdings wenig Begeisterung ausgelöst. Ihre Vollversammlung stimmte dem Abkommen nur mit hauchdünner Mehrheit zu, nachdem sie das Verhandlungsergebnis zunächst sogar abgelehnt hatte. Die hitzige Kampfabstimmung zeigte die Zerrissenheit der Gewerkschaft, in der sich das von Abel zwölf Jahre lang angeführte Establishment mit den aufbegehrenden Jungtürken um Ed Sadlowski einen erbitterten Kampf um die Führung liefern. Im Wahlkampf um den Präsidentenstuhl der Stahlarbeitergewerkschaft konnte der von Abel als Nachfolger auserkorene Lloyd McBride den Konkurrenten Sadlowski nur knapp besiegen.

Zentralthema der Auseinandersetzungen war das Anfang 1973 mit den Stahlkonzernen geschlossene Abkommen (Experimental Negotiating Agreement), in dem die Gewerkschaft auf Streiks und die Unternehmen auf Aussperrungen verzichten. Scheitern die Tarifverhandlungen, hat ein Schiedsgericht das letzte Wort.

Dieses Abkommen sollte ein Problem lösen, das beiden Seiten Kummer bereitete: Zwar hat es in den letzten zwanzig Jahren keinen einzigen Streik gegeben, der die gesamte Branche lahmlegte. Aber die Einigung kam stets erst nach einem nervenzerreißenden Poker zustande. Die Folge war, daß die Stahl Verbraucher aus Angst vor einem Streik große Mengen Stahl horteten. Das führte regelmäßig zu einer kostspieligen Überauslastung der Kapazitäten und – wegen der Nervosität vieler Kunden – auch zu umfangreichen Bestellungen im Ausland. In den dann folgenden Monaten, in denen die Stahlverbraucher ihre Vorräte langsam abbauten, ging die Nachfrage so stark zurück, daß rund hunderttausend Arbeiter stempeln gehen mußten. Als 1974 das Anti-Streik-Abkommen erstmals angewendet wurde, blieben die Hortungskäufe und damit die Beschäftigungsschwankungen aus.