Adolf Hitler war ein stärker Politiker. Als ihm eines Tages der Krieg über den Kopf wuchs, stürzte er sich mit seiner Freundin die Klippen hinunter." – "Durch mehrere Mordanschläge war Hitler kaum mehr fähig, das Reich zu führen." – "Die geistig Behinderten, weil sie nicht dienen konnten, ließ er wie die Juden in Gaskammern oder an der Mauer umbringen." – "Er hat einen Teil Berlins erobert (heute DDR)." – "Hitler baute die Autobahn, um seine Panzer schnell an den Ort zu bekommen, wo er sie hin haben wollte. Aber er hatte nicht damit gerechnet, daß seine Gegner auf der Gegenspur auch schnell zu ihm kamen." – "Deutschland hatte zwar die stärksten Truppen, aber die ganze Welt gegen sich." – "Solange Hitler an der Macht, war, war Ruhe in Deutschland. Es gab keinen Hunger, die Währung war in Ordnung, die Arbeitslosigkeit ging zurück. Bei ihm herrschte Ordnung. Da kamen solche Entführungen und terroristischen Anschläge nicht vor." – "Ich glaube, daß er ein guter Mensch war und daß er für das Gute gekämpft hatte. Nur, daß er ein Jude war, störte die Menschen."

Jugendliche aus der Bundesrepublik, Zitate von 13- bis 18jährigen zum Thema "Hitler". Schwer zu sagen, worüber man entsetzter sein soll: Über die totale Konfusion in den Köpfen dieser Schüler oder über die, selbst dieses chaotische Geschichtsbild überdauernde, von den Vätern ererbte "Treue zum Führer".

Rund 3000 Aufsätze, in denen Jugendliche im Alter zwischen zehn und 23 Jahren berichtet haben, was sie über das Dritte Reich, den Hitler-Faschismus und Adolf Hitler wissen, hat der in Flensburg lebende Diplom-Pädagoge und Jura-Student Dieter Boßmann ausgewertet. Aus allen Bundesländern, außer dem Saarland, sind diese Aufsätze zusammengetragen worden, geschrieben Ende vergangenen Jahres von Realschülern und Gymnasiasten, von Sonderschülern wie Grund- und Hauptschülern, von Fach-, Berufs- und Fachoberschülern. Am stärksten vertreten ist die Altersgruppe der 14- bis 17jährigen Haupt- und Berufsschüler. "Jugendliche also, die mit diesem Wissensstand von der Schule abgehen, die von institutioneller Seite keine weiteren Informationen mehr bekommen."

In verschiedenen Zeitungen und pädagogischen Fachzeitschriften annoncierte der 32 Jahre alte Boßmann, fragte er bei Kollegen an, ob sie grundsätzlich bereit wären, in ihren Klassen bestimmte Aufsatzthemen schreiben zu lassen. Etwa 170 Kollegen antworteten und rund 70 sprangen wieder ab, nachdem sie das Thema erfahren hatten. Boßmann: "Ich hätte natürlich auch die einzelnen Schulämter anschreiben können, aber das wäre, spekulativ gesagt, zumindest sehr schwierig und zeitraubend geworden." Die hundert Lehrer, die ihre Mitarbeit schließlich zusagten, die das Thema "sehr gut" fanden und im selben Atemzug auf unbedingte Anonymität aller Beteiligten bestanden, ihrer eigenen wie die ihrer Schüler, sie sind überwiegend Boßmanns Generation, die um 1940 Geborenen, aber auch ältere Pädagogen. "Meist Lehrer, die sich nicht, wie noch zu meiner Schulzeit, vor der Frage fürchten müssen, wo sie denn in dieser Zeit gestanden hätten."

Was beim Lesen der Aufsätze betroffen macht, ist zunächst einmal zweierlei: Der katastrophale Bildungsnotstand bei der großen Gruppe Haupt- und Berufsschüler, die Hitler zwischen Batman und Bösewicht ansiedeln, denen er, ob gut oder schlecht beurteilt, jedenfalls zur irgendwie imponierenden Comic-Figur, zum Superman geraten ist. Und auf der anderen Seite diese Lehrer, überwiegend frei von Schuldgefühlen, aber scheinbar besser im Vermitteln von Geschichten, anstatt von Geschichte und historischen Zusammenhängen.

Um hier einigermaßen gerecht zu verfahren, seien dafür nur die Aufsätze der Oberschüler herangezogen, bei denen man davon ausgehen kann, daß ihre Verfasser von Haus aus vielleicht etwas mehr mitbringen. Was indessen diese Aufsätze insgesamt von anderen unterscheidet, ist das Vermögen, etwas besser formulieren, genauere Jahreszahlen angeben zu können. Der Mythos "Hitler" gleichwohl sitzt in ihren Köpfen nicht weniger fest.

Überhaupt nicht gesehen wird das Phänomen des Faschismus, nur das Phänomen des Führers, völlig losgelöst aus der historischen Entwicklung und historischen Verantwortung. Dafür in Zusammenhang gebracht mit unbewältigter Gegenwart: Gymnasiasten wie Realschüler zwischen 13 und 17 Jahren wissen, daß der Adolf Hitler "ein böser", ein "sadistischer", auf jeden Fall "ein Kommunist" war.