Vieles war. anders in dieser Inszenierung: der Hamlet (Manfred Karge, auf unserem Probenphoto links, neben dem Regisseur Benno Besson). war endlich einmal kein nervöser, edel leidender Intellektueller, sondern ein großer, oft unbeholfener, kindisch alberner und kindlich kluger Mensch; der König Claudius (Dieter Montag) kein dämonischer Brudermörder, sondern ein um seine Königskarriere besorgter Spießbürger; die Ophelia (Heide Kipp) keine schöne, opernhafte Wahnsinnige, sondern ein ziemlich tumbes, verschrecktes Mädchen, um seinen Verstand gebracht, bevor der Verstand überhaupt erwachen konnte. In Benno Bessons Ostberliner Volksbühnen-Inszenierung konnte man lachen und dabei etwas lernen: daß der "Hamlet" auch ein Schauerdrama ist, gar nicht so weit weg von den trivialen Theatervergnügungen seiner Zeit, wie das die fast immer nur ergriffene deutsche Hamlet-Interpretation suggeriert. Ein kluger, lustiger, lehrreicher Abend, und doch ein leerer: was die Ostberliner eigentlich mit dem alten Stück wollten, welche Gedanken und Empfindungen es in ihnen ausgelöst hatte, das war der überaus artifiziellen Veranstaltung nicht zu entnehmen. Die Distanz des Brechtschen Theaters, dem Besson entstammt: sie scheint keine Haltung mehr zu sein zu einem Stück, nur noch ein Kunstmittel – eine beliebig abrufbare, alle Schwierigkeiten des Stücks und der Beschäftigung mit dem Stück wegleugnende Ironie. Eine Theatermaschinerie lief ab, lief leer. War wirklich so vieles anders in dieser Aufführung? Nach Otomar Krejcas Inszenierung in Düsseldorf (Premiere am 30. April) werden wir über beide "Hamlets" vergleichend berichten. Benjamin Henrichs