Reiner Kunze war für viele, gerade junge Leute, in der DDR zu einem Symbol der Hoffnung geworden: Wenn ein Mann wie er, der Autor der "Wunderbaren Jahre", in diesem Lande lebte, wenn man ihm schreiben, mit ihm. reden konnte, dann war noch Aussicht auf Besserung. Und Kunze hat, bis an den Rand physischer Erschöpfung, mit Hunderten eingehende Gespräche geführt, hat in Dutzenden von privaten, von Pfarrern und Studentengemeinden organisierten Versammlungen gesprochen und auf ungezählte Briefe geantwortet.

Als Reiner Kunze in der vorigen Woche die DDR verließ, dachte er an diese Menschen: Die Erklärung, die er der Presse übergab, schloß mit den Worten: "Um viele hundert Menschen in der DDR nicht in Sorge zu versetzen, möchte ich nur eines sofort feststellen: Es ist keinerlei Post, sofern sie mich erreicht hat, in fremde Hände geraten."

In den letzten drei Tagen vor der Abreise, die Kisten und Koffer waren bereits gepackt, erreichten Kunze noch zahlreiche Briefe, die beweisen, was dieser Autor verbotener Bücher seinen Lesern drüben bedeutete: Briefe von Leuten, die den Autor persönlich oft gar nicht kannten und die ihm offen schrieben – auch auf die Gefahr hin, daß diese Post in "fremde Hände", in die des Staatssicherheitsdienstes, geraten könnte. In einem dieser Briefe heißt es:

"Jetzt, drei Wochen später, ist mir noch zu Bewußtsein gekommen, was eigentlich Ihr Buch (,Die wunderbaren Jahre’) bei mir (und ich bin sicher, bei sehr vielen) bewirkt: Wenn man auf offener Straße zusammengeschlagen wird, dann ist das etwas anderes, als wenn einem das nachts in irgendeinem einsamen Winkel geschieht, wo es keine Zeugen gibt. Wenn man dabei von Zeugen weiß, die alles gesehen haben, dann ist man nicht mehr so innen gebrochen, da ist man auch nicht so voll Wut gegen die Täter. Ich meine: Wenn man Woche für Woche diese Vorlesungen besuchen muß, seine Zeit in Versammlungen vergeuden muß, in denen man nichts als den Wunsch hat, Blitze und weiße Mäuse unter den Tischplatten entlangzuschicken, dann ist man danach viel, viel zuversichtlicher, entkrampfter und erwartungsvoller, wenn man weiß: Irgendwo auf Erden ist diese Versammlung längst registriert, die Verantwortlichen sind verhört. Ich danke Ihnen also nochmals."

Ungeachtet aller politischen Differenzen setzte sich Kunze vor Jahren für Biermann und Solschenizyn ein; immer wieder, erinnerte er an seine unterdrückten tschechoslowakischen Kollegen und Freunde; und vor kurzem noch forderte er, den Hausarrest gegen Robert Havemann aufzuheben und den seit November 1976 inhaftierten Jürgen Fuchs freizulassen: Er war der einzige Autor der DDR, der sich für Fuchs engagiert hat.

Weil diese Haltung Kunzes bekannt war, wandten sich Hunderte an ihn. In einem anderen Brief, der ihn wenige Tage vor der Ausreise erreichte, ist zu lesen: "In ... und Umgebung sind sehr viele junge Leute in den letzten Monaten ‚hochgezogen‘ worden, verhört, Hausdurchsuchung, Drohungen, aber auch Versprechungen (bei Mitarbeit...), in einem Fall Entzug der Qualifizierung, und so weiter. Grund war eine angebliche oder tatsächliche Flugblattaktion. Wohl zirka 200 Leute wurden abgeholt, zum Teil bis zu 20 Stunden. Das deprimierende daran ist, daß viele davon (die ich kenne) jetzt ziemlich große Angst haben. Jeder Fußgänger wird zum Beschatter, jedes Auto, das vor der Tür steht, ist ‚natürlich‘ mit einem Aufpasser besetzt... Die Reihe könnte man beliebig fortsetzen. Wenn ich mit denen spreche, weiß ich oftmals nichts zu sagen, denn gerade diese Mensche sind ... in diesem Entwicklung- und Lernprozeß, wo sie selbst sehen lernen müssen. Aber ist es nicht schlimm, wenn Jugendliche derartig verängstigt werden; wird aus ihnen später auch mal so ein Mensch, der die Wahrheit nur in den eigenen vier Wänden sagt und sonst schweigt? – Denn ich glaube, man braucht keine Angst – im weitesten und engsten Sinne – zu haben, wenn man die Wahrheit kennt, egal was passiert. Nur frage ich mich, wie ich diesen Menschen die ‚Therapie‘ zeigen kann, daß sie zu der Erkenntnis kommen, zumal ich gemerkt habe, daß ich mit solchen theoretisch leicht einsehbaren Argumenten nicht weiterkomme.

Ich glaube, diese Verunsicherung der Persönlichkeitsentwicklung wird sehr stark gefördert, die Wege dahin sind einfach, ohne daß direkt davon gesprochen wird – eben wie in jener ‚Methode‘, die ich oben beschrieb. Nun habe ich etwas Ballast von mir gewälzt, aber ich kann Ihnen versichern, daß ich mich keineswegs von den Leuten distanziere, sondern versuche, ihnen weiterzuhelfen. Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis."