ARD, Freitag, 22. April, 22.10 Uhr: "Die Prämie" von Sergej Mikaeljan

Die Prämie" des bisher kaum bekannten sowjetischen Regisseurs Sergej Mikaeljan ist ein ausgesprochen spröder Film: Statt aktionsbezogener Handlung gibt es hier endlose Debatten, statt filmsprachlich differenzierter Montagesätze einen eher gleichförmigen Rhythmus von Großaufnahmen, die in der Art dokumentarischer "Interviewfilme" den jeweiligen Debattenredner ins Bild holen. Im kargen Raum des Parteibüros einer Moskauer Großbaustelle würde die Kamera auch vergeblich nach visuellen Attraktionen suchen. Da der Film fast ausschließlich in diesen vier Wänden spielt, erinnert er eher an ein verfilmtes "Diskussionsstück". Mikaelian arbeitete bislang auch vor allem als Theaterregisseur, sein Drehbuchautor Gelman als Stückeschreiber. Bei Tonausfall würde man diesen Film mit Sicherheit nicht bis zur Schlußeinstellung ertragen können.

Um so erstaunlicher die Rezeptionsgeschichte dieses Films: Es gab ein ungewöhnliches Echo im In- und Ausland. Im eigenen Lande, in den Kinos der UdSSR, erlebte er nicht nur zahlreiche Verlängerungen, sondern wurde selbst von Arbeiterklubs der entferntesten Provinzen angefordert. Überall löste er eine ungewöhnlich lebhafte Diskussion aus, an der sich auch die lokalen Zeitungen beteiligten. In Moskau und Leningrad wurde zudem das Drehbuch der "Prämie" als Bühnenstück inszeniert. Ähnliches geschah im sozialistischen Ausland, nicht zuletzt in der DDR. Selbst auf der Mannheimer Filmwoche von 1975, ja sogar im exotischen Tunis auf der 6. Journee Cinematographique de Cartage fand "Die Prämie" große Aufmerksamkeit.

Das scheinbare Paradox eines solchen Echos für diesen auf den ersten Blick unfilmischen Arbeiterfilm, hängt unmittelbar mit seiner Thematik zusammen: dem Verhältnis von Arbeitern und Management in der UdSSR von heute. Wie sieht es konkret mit dem Satz aus, daß in diesem Land die Arbeiter Herren im eigenen Hause sind? Mikaelian findet für diese Fragestellung einen sicher nicht alltäglichen Einstieg. Die Brigade einer Moskauer Großbaustelle verweigert die gleichsam routinemäßig ausgeschüttete Jahresprämie für "Übererfüllung des Solls", um damit auf Mißwirtschaft und Fehlplanung des Managements aufmerksam zu machen. Damit kommt der Stein ins Rollen, was die Betriebsleitung zunächst verstört und verärgert, dann immer nervöser und unsicherer werden läßt. Wieso durchschauen die Arbeiter ihre Fehlplanung, die man doch so hervorragend gegenüber der übergeordneten Planungsstelle vertuschen konnte? Warum schlägt die Brigade einen persönlichen Vorteil aus, um sich in etwas einzumischen, was sie "nichts angeht"? Den selbstüberheblich beschränkten Verwaltungsangestellten will es nicht in den Kopf, daß es den Arbeitern nicht nur um Lohnverlust durch bestimmte Ausfallzeiten geht. Vor allem aber sehen diese Bürokraten ihre eigenen bequemen Positionen bedroht. Da sich offensichtlich Planbilanzen besser vertuschen lassen als die ungewöhnliche Prämienverweigerung, ist Gefahr in Verzug. Erst recht, als alle Beschwichtigungskünste nichts nutzen, Bestechungs- und Spaltungsversuche fehlschlagen.

Genau in solcher Situation beweist der unpathetische, quasi dokumentarische Realismus dieses Films seine wichtige Qualität als ein inhaltsbezogen eingesetztes Stilmittel. Er dekuvriert ohne überzogene Kunstgriffe, einfach und unprätentiös, die Arroganz der selbstsicheren Verwaltungsangestellten und zeigt ebenso den allmählichen Erfolg der Arbeiterbrigade: Der folgende Protest wird vom Parteisekretär der Großbaustelle akzeptiert.

Gewiß ein Happy-End, jedoch kein leichtfertiges. Schon gar nicht das Happy-End einer folgenlos in den Alltag entlassenen "sozialistischen Traumfabrik": Die Diskussionen des Filmes setzen sich nach der Schlußeinstellung im Alltag der sowjetischen Arbeiter fort. Hierzulande waren viele über die Offenheit des Film überrascht. Eigene Kritiker konnten sich nicht vorstellen, daß der Film in der UdSSR ungeschnitten läuft. Doch "Die Prämie" steht nicht allein: Aus dem Leningrader Dokumentarfilm-Studio etwa kamen in der letzten Zeit zahlreiche Filme, die brisante Themen der aktuellen sowjetischen Arbeitswelt kritisch-analytisch aufgriffen. Offensichtlich ist im sowjetischen Film an die Stelle früherer beschönigender Rhetorik ein bei aller Parteilichkeit selbstkritischer Realismus getreten.

Hans-Joachim Schlegel