Von Peter Demetz

Wer hätte das gedacht? Wir haben zwar keine realistische Literatur, aber die Theorie des Realismus blüht wie nie zuvor, und selbst wer Henry James und Adalbert Stifter, Vissarion Belinskij und Heimito von Doderer nicht zu seinen Lieblingsschriftstellern zählt, hat alle Hände voll zu tun, Konzepte zu ordnen, konkurrierende Gedanken zu disqualifizieren und auf dem öffentlichen Podium in Mondorf, Frankfurt, Graz und Madison, Wisconsin, den Nicht-Realisten als bedauernswerten Sonderling oder gar als Lakaien des Kapitalismus zu entlarven.

Von der Literatur im besonderen ist selten die Rede, eher von Welt, Verdinglichung und Revolution im großen und allgemeinen; wer tagsüber tippt, um die Gesellschaft mit zwei Fingern zu verändern, gerät in verständliche Versuchung, den Staub von der alten Vokabel des Realismus zu blasen. Sie hat ja seit mehr als hundert Jahren dazu gedient, den Abgrund zwischen bloßen Texten und der geschichtlichen Erfahrung, die nicht nur aus Texten besteht, hinter der großen Illusion von wirksamen Vermittlungen zu verbergen.

Ich bin nicht so töricht, noch einmal die Frage zu stellen: Was ist Realismus? und begnüge mich damit, einfach zu fragen: Wer spricht heute vom Realismus und wie? Die einen, in der Minderzahl allerdings, sind noch bemüht, an einem Bibliotheksbegriff festzuhalten, um bestimmte Bücher nebeneinander auf bestimmte Regale zu ordnen, also Gontscharow näher zu Tolstoj als Eluard; die anderen, mehr oder minder im Gleichschritt der Fraktionen marschierend, glauben an den Realismus als Heilsidee, die Schreibenden, Lesenden, ja der Menschheit überhaupt die Erlösung von allem Übel bringen soll. Ich frage mich nur, wie diese neuere Realismus-Diskussion verlaufen wäre, wenn Väterchen Stalin Maxim Gorkijs Vorschlag, die Literatur der kommunistischen. Epoche "revolutionäre Romantik" und nicht "Sozialistischen Realismus" zu nennen, im letzten Augenblick doch noch akzeptiert hätte.

Drei Publikationen, die ich eben gelesen habe, sind charakteristisch für die Interessen des gegenwärtigen Streitgespräches –

"Realismus – welcher? – 16 Autoren auf der Suche nach einem literarischen Begriff", herausgegeben von Peter Laemmle; Edition Text & Kritik, München, 1976; 187 S., 18,50 DM.

Ulf Konrad Eggers: "Aspekte zeitgenössischer Realismustheorie, besonders des bundesdeutschen Sprachrealismus"; Bouvier Verlag Herbert Grundmann, Bonn, 1976; 358 S., 48,– DM.