Überall und immer wieder stieß der 19jährige Angeklagte auf Schwierigkeiten

Von Jost Nolte

Auf die Frage des Verteidigers Dr. Karl-Heinz Neß, wie die geistig-seelische Verfassung des 19jährigen Angeklagten Hans-Joachim H., wenn dergleichen wissenschaftlich erlaubt sei, mit einem Wort bezeichnet werden könne, antwortet der sachverständige Nervenarzt Dr. Eberhard Roessler entschlossen: "Pseudopsychopathie".

Hans-Joachim H. ist angeklagt, in den Abendstunden des 13. August 1976 am Elbufer bei Hamburg-Cranz die 15jährige Schülerin Carola F. ermordet zu haben, um eine andere Straftat zu verdecken. Er soll versucht haben, Carola zu vergewaltigen. Als sie drohte, zur Polizei zu gehen, soll er sie stranguliert und dann mit einem schweren Holzklotz auf sie eingeschlagen haben, bis sie tot war. Die Anklage spricht von verminderter Schuldfähigkeit und räumt einen abartigen seelischen Zustand des Angeklagten ein – ein Zugeständnis, das Staatsanwalt Koritkowsky um so weniger wahrhaben möchte, je weiter die Verhandlung vorankommt. Als Koritkowsky schließlich plädiert, sieht er – "auch im Hinblick auf den Sühnegedanken, den wir nicht vergessen dürfen" – nur noch eine Möglichkeit für das Urteil: das Höchstmaß von zehn Jahren Jugendstrafe.

Pseudopsychopathie? Die Vokabel bezeichnet einen Sachverhalt, der sich kaum eingrenzen läßt. Pseudopsychopathie meint nicht etwa, wie der Laie eilig übersetzen möchte, ein unechtes oder vorgetäuschtes Leiden. Sie meint ein Krankheitsbild, auf das die Psychiatrie keinen eindeutigen Reim weiß. Das gilt freilich ebenso für die Merkmale, nach denen das Strafgesetz in seinem Paragraphen 21 verminderte Schuldfähigkeit einräumt, und weil minus mal minus auch in einem höheren Sinne plus ergibt, ist nach dem Gutachten des Sachverständigen Roessler nicht auszuschließen, daß der Paragraph Hans-Joachim H. zugute kommen sollte.

Die Große Strafkammer 4 beim Hamburger Landgericht hat also die Wahl – nicht gerade zwischen den Extremen, denn von Schuldunfähigkeit ist ja nicht die Rede, wohl aber zwischen dem "Sühnegedanken" des Staatsanwaltes und der Vermutung, Hans-Joachim H.s Tat sei so "abartig", daß sein seelischer Zustand nicht mit normalem Maß zu messen sei. Daß die Tat selbst die Krankheit sei, dürfen der Vorsitzende Richter Dr. Olters und seine Beisitzer daraus von Gesetzes wegen freilich nicht schließen, und doch drängt der Prozeß gerade diesen Gedanken auf.

"Eigentlich stinknormal", wie Staatsanwalt Koritkowsky irgendwann meint, ist schon der äußere Werdegang Hans-Joachim H.s gewiß nicht. Er wird vorehelich geboren. Sein Vater fährt zur See, seine Mutter arbeitet, und er wird bei den Großeltern untergebracht. Als die Eltern heiraten, findet die Familie zunächst nur in einer Wellblechbaracke Unterkunft. Dann bessern sich die Verhältnisse, aber Hans-Joachim hat Schwierigkeiten in der Schule. Er kommt in eine Sonderschule. Der Weg ist weit und verführt zu allerlei Rüpeleien bis hin zu kleinen Eigentumsdelikt ten. Hans-Joachim ist Tag für Tag in einer Gruppe Gleichgesinnter auf der Straße. Er macht mit, ist ein williges Werkzeug für Stärkere, will sich hervortun.