Nach den "Handzeichnungen" nun "Menschenbilder" – zum zweitenmal stellen die Galerien in der Münchner Maximilianstraße mit einer Gemeinschaftsausstellung sich als eine große Kunsthandelsfamilie vor. Das Gruppenbild ist nicht identisch mit dem vom letzten Jahr, eine Galerie fühlt sich nicht mehr zugehörig, eine andere hat zu existieren aufgehört: Günther Franke, der Doyen der Münchner Galeristen, ist gestorben. Nur noch elf Galerien also und ein Thema, die Darstellung des Menschen in der Kunst, von 1800 bis heute. Die Einordnung der nicht aufeinander abgestimmten Ausstellungsbeitrage in diesem größeren Zusammenhang geschieht im Katalog, der einige lesenswerte Aufsätze zu verschiedenen Aspekten des Rahmenthemas enthält.

Die Frage, ob das Bild des Menschen im 19. Jahrhundert nicht doch genauer in der Karikatur als im repräsentativen Porträt aufbewahrt ist, stellt sich vor den Blättern von Grandville, Gavarni, Daumier, Doré, Guys und Monnier (Arnoldi-Livie). Der ganz zu Unrecht hierzulande kaum bekannte Zeichner Henry Bonaventure Monnier etwa hat die Figur des pedantischen Rechtsgelehrten Joseph Prudhomme erfunden, in der der zugleich fortschrittsgläubige und politisch konservative Bourgeois Gestalt angenommen hat. Monniers "Herr Zimperlich", eine satirische Übertreibung, präzisiert in einer Weise, die der offiziellen Kunst nicht zugänglich war, die Doppelbödigkeit des bürgerlichen Zeitalters – der Spießbürger als Herr der Welt.

Die Enkel jenes Joseph Prudhomme sind von George Grosz und Otto Dix ungleich ätzender und aggressiver porträtiert worden. In der Galerie Gunzenhauser hängen Beispiele ihrer wütenden Attacke auf den anscheinend ewigen Spießbürger, der in unserem Jahrhundert mehrfach Amok gelaufen ist, August Sander, der Photograph, der in Hunderten von Porträts eine Typologie der Deutschen erstellt hat, ist in derselben Zeit zum selben Ergebnis gekommen – Hitler und die Seinen, die sich in diesen Aufnahmen unangenehm berührt wiedererkannten, haben Sander das Photographieren verboten. Und noch immer ist das Kleinbürgerpathos lebendig: Die amerikanische Photographin Diane Arbus, wie Sander bei Schellmann und Klüser, hat 1967 einen jugendlichen Patrioten aufgenommen, behängt mit Plaketten, die die Bitte "God bless America mit der Aufforderung "Bomb Hanoi!" verbinden. Der Unterschied zwischen Sanders zwanziger Jahren und Arbus’ Sechzigern reduziert sich letztlich auf die andere Kleidung ...

Nicht gesellschaftliche Realität, sondern kunsthistorische Fiktion ist das Stichwort für Samuel Buris malerische Variationen nach einem zeitgenössischen Photo der Familie Monet (Angst + Orny). Buri hat sich vorgestellt, wie man damals ein solches Familienporträt hätte malen können – impressionistisch, nach Art der Salonmalerei, in Richtung auf den Fauvismus. Eine Version ist im Genre Buri, augenzwinkernd retrospektiv. Das ist eine brillant gemachte Lektion über die Veränderung des Menschenbildes durch wechselnde Stil-Kleider.

Eine Vergangenheitsbeschwörung eher nostalgischer Art, doch mit sensibler Einfühlung in eine verlorene Zeit: Luis Marsans Illustrationen zu Marcel Proust (Galerie Biedermann). Auf der Suche nicht nach der verlorenen Zeit, sondern nach dem verlorenen Porträt: Andy Warhol – irgendwo zwischen der photographischen Vorlage und der Ausführung in Siebdruck und/oder Malerei muß es zu finden sein (Art in Progress).

Die Menschenbilder Willi Geigers, zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit (Heseler-Edition); Georg Baselitz’ aus hektischen Lineamenten entstandene Darstellungen eines "neuen Typs" (Heiner Friedrich); des Niederländers Co Westeriks sanft morbide, einsame, verlorene Menschen (JASA) – drei, zufällig benachbarte, Möglichkeiten des Menschenbildes in der Kunst unseres Jahrhunderts.

Aspekte des Wandels dieses Menschenbildes zeigt die Ausstellung in der Galerie Gunzenhauser auf, mit Hauptakzenten auf der Malerei im Umkreis des Blauen Reiters und der Neuen Sachlichkeit. Ähnlich auch die Galerie van de Loo, die mit Arbeiten von Redon, Munch und Ensor bis Dubuffet, Günter Brus und Arnulf Rainer allerdings stärker einen Gesichtspunkt betont – die Verletzlichkeit des Menschen in einer ihm fremdgewordenen Welt. Eine weitere Übersicht, mit dem originellen Titel "Der Kopf jenseits des Porträts" präsentiert die Galerie Thomas – gemalte und modellierte Köpfe von Belling und Schlemmer bis Antes und Fritz König. (Bis Anfang, teilweise Mitte Mai; Katalog 10 Mark)

Helmut Schneider