Mit nur wenigen Tagen Abstand hat der amerikanische Präsident Carter zwei Programme verkündet, die nicht nur für die USA, sondern auch für die übrige Welt von großer Bedeutung sind: sein Konjunktur- und sein Energieprogramm (siehe: Jimmys Entziehungskur).

Während aber Carter bei der Definierung seiner energiepolitischen Ziele Mut zur Unpopularität bewies, ging er bei seinen wirtschaftspolitischen Plänen eher den Weg des geringsten Widerstandes. Die meisten Punkte des Programms sind bloße Absichtserklärungen, und es bleibt abzuwarten, inwieweit sie in die Tat umgesetzt werden. Wirklich konkret wurde Carter nur in einem Punkt: bei der Zurücknahme seines Versprechens, der Wirtschaft das Investieren durch höhere Steuerfreibeträge zu erleichtern und jedem Amerikaner zur Ankurbelung der Wirtschaft 50 Dollar in die Hand zu drücken.

Auch wenn der Effekt dieser einmaligen "Steuerrückzahlung" wohl kaum sehr groß gewesen wäre, handelte es sich um einen groben "Vertrauensbruch gegenüber dem Wähler" (Senator Muskie), denn noch bis vor wenigen Tagen hatten Carter und seine Berater eisern an ihrem Trinkgeldversprechen festgehalten. Jetzt haben sie es aus plötzlicher Angst vor der Inflation zurückgezogen und wollen die Arbeitslosigkeit mit anderen Mitteln bekämpfen.

Nach diesem überraschenden Sinneswandel wird es Carter noch schwerer haben, auf dem Wirtschaftsgipfel Anfang Mai in London den deutschen Kanzler zu einer forcierten Ankurbelung der Nachfrage zu überreden. Auch der Widerstand der Japaner wird kaum geringer werden.

Hilflosigkeit gegenüber den bösen Zwillingen Inflation und Arbeitslosigkeit wurde in den vergangenen Tagen aber nicht nur in Washington demonstriert, sondern auch in London und Kopenhagen. In Großbritannien schwindet die Hoffnung auf einen neuen "Sozialkontrakt" zwischen Regierung und Gewerkschaften. Viele Spitzenfunktionäre hätten wohl nach wie vor Interesse an einem solchen Handel, bei dem sie mit Lohnprozenten für politische Zugeständnisse zahlen. Wie die wilden Streiks der letzten Wochen zeigen, spielt die Basis – bei 17 Prozent Preissteigerung – aber nicht mehr mit.

In Dänemark mußte das Parlament per Gesetz eine allgemeine Lohnerhöhung um sechs Prozent verfügen, weil die Tarifpartner sich nicht einigen konnten und eine Serie von Streiks Häfen und Bahnlinien, Tankstellen und Fabriken lahmzulegen drohten; die Zeitungen erschienen bereits seit zwei Wochen nicht mehr. Ein Arbeitskampf aller gegen alle wurde durch den Eingriff des Folketing verhindert – aber um den Preis der Tarifautonomie und ohne Garantie für einen längeren Zeitraum sozialen Friedens.

Demgegenüber und verglichen mit den erbitterten Auseinandersetzungen zwischen den gesellschaftlichen Gruppen in Frankreich oder Italien erscheint die Bundesrepublik wie eine Insel des sozialen Friedens und der Vernunft. Doch auch bei uns fehlt es noch an einer überzeugenden Strategie im Kampf gegen die Krisen-Brothers Inflation und Arbeitslosigkeit, deren Vater der Verteilungskampf ist.