In einer Zeit, in der die Eisenbahngesellschaften der westlichen Welt mit Verlusten fahren, in der die Zahl der Bahnurlauber jährlich um etliche Prozente zurückgeht, in der die meisten typischen Bahnreiseveranstalter sich nur durch den Hauptverkauf von Autoreisen über der Schiene halten, steigt andererseits die Liebe zu der alten, mit Romantik und Histörchen behängten Eisenbahn beständig. Es gibt immer mehr Fanklubs, alte Lokomotiven in Privatbesitz und regelmäßig erscheinende Eisenbahn-Zeitschriften. Und natürlich Bücher. Zum Beispiel:

Martin Page: "Die großen Expreßzüge"; Verlag Fritz Molden; Wien-München-Zürich; 1976; 239 Seiten, 148 Abb.; 48 Mark

ist ein nostalgischer Rückblick auf die Züge, die die Welt bewegten. Zum Beispiel Orient-Express, Train Bleu, Twentieth Century, Canadian Pacific Garniert mit vielen interessanten Abbildungen werden die Lebensläufe der großen Expreßzüge und ihrer Erfinder, Gründer, Eigentümer und natürlich einiger Passagiere geschildert.

Der englische Journalist Martin Page beschreibt mit trockenem, aber auch bissigem Humor wichtige und witzige Begebenheiten um die und in den Bahnen, Salon- und Schlafwagen, mokiert sich beispielsweise über die Steifheit deutscher Bahnhofsvorstände, den englischen Anti-Kontinentalismus und den vorgetäuschten Luxus in den amerikanischen Pullman-Schlafwagen, in denen man sich schon deshalb nicht ausziehen konnte, weil es keinen Platz für die Kleider gab. Einer Dame, die es trotzdem, einmal wagte, flog die Wäsche aus dem Fenster, so daß sie am "nächsten Morgen, bloß in Hut, Strümpfen und einer umgeschlungenen Decke erscheinen" konnte. Überhaupt entlarvt Page George Mortimer Pullman als schnöden, geldgierigen Geschäftsmann, der vom Reisen als Reisender nichts verstand – ganz im Gegensatz zu Europas Eisenbahnkönig, dem Beigier Georges Nagelmackers, der aus der Eisenbahn eine Kultur gemacht habe.

Der romantische Page hat auch heute wieder die geldgierigen Geschäftsleute als die Zerstörer der Eisenbahnreisen ausgemacht.

Nicht Männer, "die selbst Reisende großen Formats" seien, sondern "Marketing-Experten, die ebensogut Geschirrspülmittel verkaufen könnten", böten den Touristen "nicht die erregende Wirklichkeit des Reisens, wie Nagelmackers sie geboten hatte", sondern einen 14tägigen Flugzieltraum, wobei die 25 Wochen Vorfreude und 25 Wochen Nachgenießen die Hauptsache seien.

Für Page ist Bahnreisen das eigentliche Reisen, das Reisen als Erlebnis der Fortbewegung, wobei man (bei einem gewissen Luxus, den es eben leider heute immer weniger gibt) zugleich Landschaft, Häuser, Menschen sehen kann. Dagegen sei Fliegen nur ein Transport,

Natürlich bedauert Page die bahnbrechende Gewalt der Charterfliegerei, was er schon im Titel verrät, der auf englisch so schön "The Lost Pleasures of the Great Trains" heißt und in der dünnen deutschen Übersetzung "Die großen Expreßzüge" sprachlich und informativ wie die Überschrift für ein Kursbuch klingt. W. R.