Endlich ist die Zinssenkung bis zum Aktienmarkt durchgeschlagen. Rekordumsätze und Jahreshöchstkurse waren die Folge. Mit dieser Aufwärtsbewegung hatten viele Experten schon seit Monaten gerechnet. Dennoch wurden alle Börsianer von ihrem Tempo überrascht. Käufer waren zunächst nur die institutionellen Anleger wie Investment-Fonds und Versicherungen. Später kamen private Bankkunden hinzu. Teilweise beschafften sie sich die für den Aktienerwerb erforderlichen Mittel durch den Verkauf festverzinslicher Papiere, ohne daß dadurch ihr Kursanstieg gebremst wurde.

Besonders bei den Versicherungen hat sich ein. beträchtlicher Anlagebedarf angestaut. Sie hatten ihre Gelder zurückgehalten, weil sie seit Monaten mit einer Zinswende rechnen. Das Gegenteil ist eingetreten. Der Zins befindet sich immer noch auf Talfahrt – und niemand vermag einzuschätzen, wann sie beendet sein wird.

Die labile Konjunktursituation, nun auch von der Bundesbank skeptisch betrachtet, zwingt eigentlich zu einer, weiteren Zinsverbilligung, obwohl von dieser Seite die Neigung zu Investitionen nur sehr mangelhaft geweckt werden kann. Billiges Geld könnte den Wohnungsbau anregen. Tatsächlich wären die Lebensversicherungen wohl auch bereit, sich wieder verstärkt diesem Anlagezweig zuzuwenden. Was sie daran hindert, machte Günter Kalbaum, Vorstandsvorsitzender der Mannheimer Versicherungs-AG, deutlich: "Zuerst muß das Mieterschutzgesetz geändert werden." Dazu wird diese, Regierung mit Sicherheit nicht bereit sein. Mit der Folge, daß die Zinssenkung am Wohnungsbaumarkt verpufft.

Verstärkt wurde die Hausse am Aktienmarkt durch massive Auslandskäufe, besonders auffällig bei Siemens, wo der Kurs innerhalb weniger Stunden um fünf bis sechs Mark geklettert ist. Mit Sicherheit handelt es sich bei diesen Käufen nicht um Daueranlagen. Vielmehr verstärkt sich der Eindruck, daß wieder einmal auf eine Mark-Aufwertung spekuliert wird.

Zu den bevorzugten Anlagepapieren zählten weiterhin die Aktien der Großchemie, deren Kurse sich relativ langsam nach oben bewegt haben, so daß es hier eigentlich keine größeren spekulativen Überhänge geben kann. Daß der Berufshandel von Zeit zu Zeit die bei ihm aufgelaufenen Kursgewinne sicherstellt, zeigte sich am Dienstag dieser Woche. Dabei fiel auf, daß sich für die renditestarken Papiere relativ rasch wieder Käufer fanden, während die eigentlichen Spekulationspapiere kräftige Abschläge hinnehmen mußten.

Versorgungswerte scheinen weitgehend ausgereizt zu sein. Eine Sonderbewegung erlebten die Aktien der Hamburgische Electricitäts-Werke (HEW), als sich die Konditionen der für den Juli geplanten Kapitalerhöhung abzuzeichnen begannen. Der Ausgabekurs von 75 Mark für eine junge Aktie, während die "alte" über 149 Mark notiert, ist ein wirkliches Entgegenkommen, das jedoch weniger dem freien Aktionär zu gelten scheint als der Hansestadt Hamburg, die über ihre Beteiligungsgesellschaft Geld für den Bezug der jungen Aktien beschaffen muß. Bei den HEW handelt es sich um ein Versorgungsunternehmen mit steigender Ertragskraft. An der Stromerzeugung ist die Kernkraft bereits mit 40 Prozent beteiligt – und dies aus den zu günstigen Preisen erstellten Werken in Stade und Brunsbüttelkoog. Uransorgen haben die HEW nicht. Eher eine gewisse Überbevorratung, da die Sowjets, die angereichertes Uran liefern, auf den ’festgesetzten Abnahmeterminen bestehen, während man mit dem Kernkraftwerkneubau in Verzug geraten ist.

Überrascht hat, daß auch die Stahlaktien ein wenig von der allgemeinen Aufwärtsbewegung zu spüren bekommen haben – trotz der Stahlkrise. Börsenfachleute meinen, daß besonders im Mannesmann-Kurs noch. Reserven vorhanden sind. Er hatte in den ersten drei Monaten dieses Jahres unter Auslandsabgaben gelitten. Wenn die Ausländer jetzt zurückkehren sollten, gehören Mannesmann-Aktien zum Kreis jener Papiere, die für ausländische Käufer traditionell in Betracht kommen.