Von Ulrich Schiller

Washington, im April

Drei Monate ist Jimmy Carter jetzt im Amt, und er hat zumindest ein Versprechen seiner Wahlkampagne voll erfüllt: Er ist ein sehr aktiver Präsident. Wie ein aggressiver Schachspieler hat er seine Partie im Weißen Haus eröffnet – an allen Fronten, unorthodox, provozierend für den Widersacher, irritierend für. den Zuschauer. Dennoch ist sein Ansehen bei den Amerikanern ständig gewachsen.

Carter hat an diesem Ergebnis intensiv gearbeitet. Manche Kritiker behaupten, Imagepflege sei bisher der stärkste Zug seiner Präsidentschaft. Das Fernsehen als wirkungsvollsten Zugang zu den Massen beherrscht Carter meisterhaft, und er nutzt es Weidlich: bei häufigen Pressekonferenz zen, die er gelassen und kenntnisreich bestreitet, oder bei seinen Kamingesprächen mit der Nation. Carter bemüht sich mit großem Einsatz um das Vertrauen der Amerikaner, um daraus die Autorität für die Durchsetzung seiner Regierungsprogramme zu gewinnen. Die Zustimmung des Volkes soll ihn von jedweden Interessengruppen unabhängig machen.

Es liegt auf der Linie dieser Politik, daß Carter für sein bisher kühnstes und schwierigstes Unterfangen, die Vereinigten Staaten auf den Weg der Sparsamkeit mit Öl und Energie zu zwingen, zuerst an das Volk appellierte. Der Präsident weiß, daß er das Bewußtsein für eine drohende Energiekrise schärfen muß, wenn er die verschwendungsfreudigen und verwöhnten Amerikaner beeindrucken will. Bei dem Kampf um die Zustimmung des Volkes steht der Energieberater James Schlesinger an seiner Seite, mit dem ihn weniger eine Ideologie als vielmehr die Faszination an der technischen Lösung einer Herkulesarbeit mit moralisch-politischem Hintergrund verbindet.

Am Montag abend verkündete der Präsident mit dem Hinweis auf weltweit versiegende Ölquellen und die Gefährdung von Unabhängigkeit und Prosperität des Landes das Ende einer Epoche – das Todesurteil für die schweren Luxusautos. Mit düsteren Prognosen versuchte er die öffentliche Meinung zu mobilisieren, ehe er am Mittwoch zum Kongreß ging, um dort vor beiden Häusern sein Energie-Sparprogramm im Detail vorzutragen. Die Von Carter oft beschworene Führungsrolle des Präsidenten steht jetzt auf dem Prüfstand. Nur wenn es ihm gelingt, die öffentliche Meinung zu beeindrucken, wird der auf die nächsten Wahlen schielende Kongreß mit einigem Unbehagen in der Gesetzgebung folgen.

Es gibt in Amerika kaum ein politisches Problem, das so komplex und brisant ist wie die auf Einschränkung zielende Energiepolitik. Die Drohung mit zusätzlicher Benzinsteuer und höheren Energiepreisen provoziert die Industrie und die Gewerkschaften, Konsumentengruppen und ökonomische Glaubenskrieger. "Carter steigt in die Schlangengrube", urteilte Frank Moore, Koordinator der Beziehungen des Weißen Hauses zum Kongreß, über den Schritt des Präsidenten.