Am 4. April wurde F. Wilhelm Christians, einer der Sprecher der Deutschen Bank und Präsident des Bundesverband des Deutscher Banken, auf der Bilanzpressekonferenz seines Instituts gefragt, ob und wann seine Bank den Sparzins senken werde. Christians gab sich überrascht, daß dieses Thema überhaupt öffentlich diskutiert wurde, räumte aber ein, daß eine Senkung konjunkturgerecht wäre. "Wir werden die Zinsführerschaft nicht ergreifen", erklärte er jedoch kategorisch. Acht Tage später, am 12. April, hat die Deutsche Bank als erste der drei Großbanken den Sparzins für Einlagen mit gesetzlicher Kündigungsfrist von 3,5 auf drei Prozent ermäßigt. Die übrigen Banken zogen beinahe gleichzeitig mit.

Christians hatte dennoch recht – Zugführer ist die Deutsche Bank nicht gewesen. Einige Sparkassen hatten schon vor dem 12. April die Sparzinsen gesenkt. Doch diese "Zinssenkungsschau" spiegelt nicht die wahren Verhältnisse wider, In Wirklichkeit sind die Geschäftsbank ken an einer Senkung der Sparzinsen viel mehr interessiert als die Sparkassen. Wenn es nach dem Willen des Sparkassenpräsidenten Helmut Geiger gegangen wäre, wären die Sparzinsen erst zum 1. Mai gesenkt worden, Doch so lange wollten die Banken wohl nicht warten. Als dann auch der langfristige Zins herunterging, gab Geiger dem Drängen der Bankiers nach und übernahm die ungeliebte Führungsrolle.

Das bedeutet freilich nicht, daß die Banken weniger sparerfreundlich wären als ihre Konkurrenten aus dem Sparkassenlager. Die Eile, mit der bei sinkenden kurzfristigen Zinsen auch die Sparzinsen ermäßigt werden, hängt von der Interessenlage der einzelnen Institutsgruppen ab. Institute mit einem hohen Anteil an Spareinlagen und einem hohen Anteil an langfristigen Krediten – also Sparkassen und Volksbanken – neigen dazu, Sparzinsen erst dann zu senken, wenn sich die Tendenz der Zinssenkung auf dem Kapitalmarkt als dauerhaft erweist.

Dagegen sind die Institute mit einem umfangreichen kurzfristigen Kreditgeschäft an einer möglichst schnellen Senkung der Sparzinsen interessiert. Sie wollen damit die Ertragseinbußen ausgleichen, die sie durch bereits vollzogene Zinssenkungen im kurzfristigen Kreditgeschäft erlitten haben. Zu dieser Gruppe gehören die Großbanken und die meisten anderen Geschäftsbanken. Sie sind also bei einer Sparzinssenkung die geborenen Zinsführer.

Aber sie bekennen sich ungern dazu. Nicht, daß sie das Kartellamt fürchten müßten. Der Bankenverband dürfte seinen Mitgliedern ganz legal unverbindlich empfehlen, den Sparzins zu senken, wenn er das Kartellamt davon unterrichtet. Ebenso dürfte das Helmut Geigers Sparkassenverband oder der Genossenschaftsverband den eigenen Mitgliedern empfehlen. Aber die Banken haben das Instrument der unverbindlichen Zinsempfehlung schon seit zwei Jahren nicht mehr angewendet. Sie möchten nicht die ersten sein, die den Zins senken, Sie schätzen es über alles, wenn alle Institutsgruppen annähernd gleichzeitig senken. Weiß der Kuckuck, wie dieses Wunder der Gleichzeitigkeit bei den letzten drei Zinssenkungen immer wieder zu erreichen war.

Die Feigheit vor dem Sparer, sich als Zinsführer nach unten zu erkennen zu geben, hat also keine kartellrechtlichen Gründe. Das Motiv ist schlicht die Furcht vor dem Schwarzen Peter, vor dem Brandmal, dem Sparer als erster wehgetan zu haben. Die Banken wollen sich anders geben, als sie sind. Dabei hätten sie eine solche Verstellung gar nicht nötig. Seit der Freigabe im April 1967 ist der Zins für die Kreditinstitute ein Kostenfaktor, den keine staatliche Stelle mehr so reguliert, daß über eine ausreichende Zinsspanne der notwendige Ertrag gesichert ist. Dafür müssen die Institute seit dem Wegfall der staatlichen Zinsbindung selbst sorgen,

Warum verschweigen die Banken, daß sie über die Senkung der Sparzinsen, die der Markt wegen der Zurückhaltung der Kreditnehmer erzwungen hat, die Zinsspanne zu ihren Gunsten zu verbessern hoffen? Wenn sie diese Spanne in die Nähe von drei Prozent bringen könnten, dann dürfte eine neue Gebührenerhöhung schwer zu begründen sein, Gelingt das nicht – etwa weil die Bundesbank mit einer Diskontsenkung die Kredite weiter verbilligen möchte – dann ist die nächste Erhöhung der Gebühren schon programmiert.

Aufgeklärte Sparer erwarten von den Banken schließlich keinen Inflationsausgleich. Sie weichen bei schlechter Verzinsung ihrer Spareinlagen in festverzinsliche Wertpapiere aus. Ihnen dürfen die Banken ruhig reinen Wein einschenken.