Es gibt Zeiten, in denen der kleine Husten eines großen Fußballstars auf die Fans wie ein Erdbeben wirkt. Wieviel schlimmer ist nun das, was auf die deutschen und vornehmlich auf die Münchener Fußballfans zukommt: Franz Beckenbauer will weg vom FC Bayern München. Vielleicht sogar noch vor der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien. Der New Yorker Soccer-Club Cosmos hat dem Kapitän der deutschen Nationalmannschaft ein Millionen-Angebot gemacht – man munkelt von 5 Millionen Mark (umgerechnet) –, und da fällt es natürlich schwer, "nein" zu sagen.

Der moderne Fußballsport schließt den Starkult ein wie ein Filmfestival den Starrummel. Ein Star kann "gemacht" werden, und man kann ihn "kaufen". Das gilt auch für einen Spieler wie Franz Beckenbauer, den sie "Kaiser Franz" apostrophieren. Man weiß, die alten Stammtisch-Ideale ("Früher haben wir unsere Torpfosten selbst aufgebaut") sind längst tot. Es zählt nicht mehr so sehr das Vereinstrikot als vielmehr das Vereinskonto. Es ist also das gute Recht eines Franz Beckenbauer, der langsam in die Jahre kommt, sich für die goldgepflasterten Wege in die USA zu interessieren, solange ihm aus dieser Ecke mehr als in München geboten wird... Im Profi-Fußball ist am deutlichsten sichtbar, wie kühl-kalkulierend – und damit im Grunde ehrlich – die Generation der Dreißigjährigen rechnet: erst das Geld und dann die nationalen Gefühle.

Schlimm wird’s erst dann, wenn man die Transfer-Geschichte "moralisch" betrachtet.

"Lieber Franz", hieß es in einer deutschen Boulevardzeitung, "Du hast viel mehr als Deine Pflicht getan. Es kann Dir also auch niemand übelnehmen, wenn Du den Rest Deiner Fußballerjahre für eine Riesensumme nach Amerika gehst. Niemand! Nur eine Bitte: Tu’s wirklich erst nach der Weltmeisterschaft 1978."

Nur, der Franzl "Kaiser" ist halt auch nur ein Mensch; und er ist es besonders da, wo er für einige zusätzliche Millionen seine Pflicht tun darf. Dann eben zählt auch für einen "Kaiser" nur der Markt und nicht die Moral.

Die Bedenken der Sportmoralisten, die den Menschenhandel ablehnen, sind gegenstandslos geworden, seit sich die Spieler selbst freiwillig an der Fußballbörse einstellen, um ihren Marktwert feststellen zu lassen. Der Menschenhandel im Fußball ist legitim, und der Zuschauer akzeptiert heute als lokalen Volkshelden, wen er gestern im anderen Vereinstrikot beschimpfte.

Allerdings, ein Franz Beckenbauer ist nicht einfach mit einem beliebigen Schützen Bumm zu vergleichen. Von ihm erwarten die deutschen Fußballfans weiterhin Heroisches, zumindest bis zur nächsten Weltmeisterschaft. Und nun der angekündigte Transfer nach New York: Beckenbauer statt im Bayerntrikot bei Cosmos. Der Fußballfan ist irritiert. Denn hatte’ man nicht gerade eben erst gehört, daß Franz Beckenbauer sogar Ambitionen hätte, Nachfolger von Bundestrainer Helmut Schön zu werden?