Von Ulrich Schmidt

Europäische Pauschalreisende werden diese Insel wahrscheinlich nie zu sehen bekommen. Die für die USA-Touristik zuständigen Leute in Washington haben sie dennoch aufgenommen in das Programm einer Präsentationstour für ausländische Journalisten – "USA in vier Dimensionen", eine Kreuz-und-quer-Flugreise von 23 472 Kilometer Länge – um USA-Touristen zum Reisen auf eigene Faust zu ermutigen.

"Damit sie entdecken", sagt Larry Gaffney, der Organisator der Pressereisen im US Travel Service, "daß die Vereinigten Staaten eben nicht nur aus New York und Las Vegas und Grand Canyon und Disneyland bestehen. Wir haben einen ganzen Kontinent voll Ganz-was-anderes. Ferienziele, die sich mit nichts in der Welt vergleichen lassen."

Wir Journalisten aus sechs Ländern bekamen also auch diese Insel zu sehen: Mackinac Island, gesprochen "mäckinaa", einst heilige Insel der Indianer, heute Ferieninsel ohne Autos, ohne Umweltärger, ein Stück bessere Welt, zukunftsträchtige Bewahrstätte des Altbewährten. Fast schon wieder eine Art Heiligtum.

Den ersten Eindruck davon bekam ich, noch ehe wir das Fährboot betraten. Ich sah nämlich, wie der Schiffsjunge an der Pierkante eine Zigarettenkippe aufhob und zum Abfallkorb trug. Später, bei einer Fahrradtour rund um die Insel, fiel mir der Junge wieder ein: als wir am Strand testhalber von dem Seewasser tranken, mit Genuß und ohne Reue.

Mackinac ist Indianisch und heißt Schildkröte. Die Buckelform hat der fünf Kilometer langen und drei Kilometer breiten Insel zu diesem Namen verholfen. Ihr Rang als Kultstätte der Indianer hat vermutlich zwei Ursachen: Einmal ist sie wie die meisten überschaubar kleinen Inseln deutlich abgesondert von der Welt des Alltags. (Daher auch der heutige Trend zum Urlaub auf. Inseln.) Zum andern liegt Mackinac Island im geographischen Brennpunkt dar drei Binnenmeere Oberer See, Michigansee und Huronsee, war also während der Urwaldzeit der Punkt in einem riesigen Stück Amerika, der für die größtmögliche Zahl von Bewohnern auf dem Wasserweg am besten zu erreichen war.

Ein idealer Pilgerort an sich schon. Hinzu kommt aber noch der intime Reiz der Insellandschaft und manche Besonderheit, zum Beispiel der Zuckerhut, ein auffällig geformter steiler Felsen im engen Tal. Von ringsumher kamen damals die Chippewa und die Ottawa, die Huronen, die Irokesen und die Sioux über wochenweite Entfernungen in ihren Kanus herbeigepilgert, um in den Höhlungen des Felsens ihre Opfergaben für Gott Manitu abzulegen, auf daß er ihnen reiche Wild- und Fischbeute bescheren möge.