Manche Sozialdemokraten vermerkten es mit Bitternis: Ihr linker Flügel ist fernseh-notorisch geworden. Über die Tagung in Oer-Erkenschwick wurde nicht unter dem Stichwort SPD, sondern unter dem Rubrum "SPD-linker Flügel", berichtet – ein Novum auf dem Bildschirm.

Nach der Lektüre dramatischer Schlagzeilen – zum Beispiel in der FAZ: "Der linke Flügel der SPD macht Front gegen die Bundesregierung" – glaubte sich ein Mitglied des SPD-Fraktionsvorstands sogar an böse Weimarer Zeiten der Sonderbündelei erinnert. Die Veranstaltung selber fanden die meisten Kritiker nicht so schlimm wie die Berichte darüber. Offenbar muß es sich um ein ungewöhnlich interessantes Treffen auf hohem Niveau gehandelt haben; zum erstenmal seit langer Zeit war Rex Löwenthal wieder dabei.

Schon knapp zwei Wochen später, am 28. April, beginnt die große SPD-Konferenz über Energiepolitik, die sich mit ähnlichen Fragen beschäftigt wie das Treffen von Erkenschwick. Am 10. Juni will die CDU einen Kongreß über "Energie und Umwelt" veranstalten. Die FDP-Bundestagsfraktion hat zusammen mit Landespolitikern schon eine Art Hearing zur Energiepolitik veranstaltet. Soviel ist sicher: Aus Mangel an Konferenzen und Diskussionen wird die Energiepolitik nicht scheitern.

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In zähem Kleinkrieg versucht die Opposition, Außenminister Genscher und die SPD auseinanderzudividieren. Der Streit geht dabei im besonderen um die Wiener Verhandlungen über Truppenbegrenzung, aber auch um die Ostpolitik im allgemeinen: Den Sozialdemokraten wird dabei fahrlässige oder bewußte Nachgiebigkeit gegenüber den Sowjets unterstellt.

In den Koalitionsgesprächen indes ist von Differenzen wenig zu spüren. Noch im letzten Jahr haben Genscher und Schmidt weitgehende Übereinstimmung erzielt. Auch in den Gesprächen der letzten Wochen, an denen eine ganze Reihe von Politikern aus beiden Parteien teilnahmen, gab es keinerlei bittere Auseinandersetzung.

Ein Ergebnis dieser Gemeinsamkeit scheint die Reise Genschers nach Moskau zu sein, die vom 11. bis 15. Juni stattfinden soll; Symbol für sorgfältige Pflege der deutsch-sowjetischen Beziehungen. Dabei soll weniger versucht werden, schwer lösbare restliche Fragen in Abkommen zu regeln, als vielmehr, unabhängig von diesen Differenzen, Möglichkeiten des Übereinkommens zu suchen.