Von Marion Gräfin Dönhoff

Etwa zwei Dutzend Leute – Abgeordnete, Botschafter, Planungschefs, Journalisten, Wissenschaftler – saßen um den achteckigen Tisch im Institut Aspen Berlin in Berlin-Schwanenwerder. Anlaß der Zusammenkunft: Die dort versammelten Europäer und Amerikaner wollten sich über Ziele und Möglichkeiten, Taktik und Strategie der Konferenz von Belgrad klarwerden, die zwei Jahre nach Helsinki die damals beschlossenen Maßnahmen überprüfen soll.

Das zweite Treffen der 35 Nationen, die 1975 die Schlußakte von Helsinki unterschrieben hatten, wird am 15. Juni in der Hauptstadt Jugoslawiens beginnen. Dabei handelt es sich nicht um eine Gipfelkonferenz, sondern zunächst um eine Vorkonferenz, auf der Experten unterhalb der Botschafterebene Themen und Tagesordnung festlegen sollen. Nach der Sommerpause, wohl im Oktober, werden dann vermutlich die Botschafter gemeinsam tagen.

Die Konferenz von Belgrad wird sehr verschieden von ihrer Vorgängerin in Helsinki sein, denn ihre Aufgabe ist ja eine ganz andere. In Helsinki und in Genf, wo die Verhandlungen geführt wurden, ging es darum, am Ende "ein Papier" zu produzieren – eine Einigung zwischen Staaten verschiedener Gesellschaftsordnung über gewisse Prinzipien und Verhaltensweisen herbeizuführen. Da dies, so hatte man sich geeinigt, auf allgemeinem Konsensus beruhen sollte, also jeder der 35 Staaten theoretisch ein Vetorecht hatte, nahm dieses Beginnen viel Zeit, fast zwei Jahre, in Anspruch.

Belgrad hat im Gegensatz zu Helsinki einzig und allein eine Aufgabe: zu überprüfen, wieweit beide Seiten ihre Absprachen eingehalten haben. Da wird jeder mit einem Katalog von Empfehlungen und Unterlassungen ankommen, und wenn die Sommerpause diesem Unternehmen nicht ein natürliches Ende setzte, würden die Redeschlachten auch dort sicherlich Monate dauern. Über viele Dinge ist innerhalb des Westens noch gar keine Einigkeit erzielt worden. Beispielsweise steht noch nicht fest, ob jedes Land individuell vorträgt und abrechnet oder ob alle oder mindestens einige eine gemeinsame Bilanz vorlegen.

"Das ist so richtig ein Unternehmen, das zur Selbstgerechtigkeit herausfordert", meinte ein Engländer, der an der Diskussion in Aspen-Berlin teilnahm. Er dachte dabei wohl an die biblische Metapher vom Splitter und vom Balken.

Ein Deutscher, der schon die Genfer Verhandlungen mitgemacht hatte, sekundierte ihm: "Das Ganze ist ein Balanceakt. Man muß versuchen, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, aber nicht so weit gehen, daß die andere Seite eines Tages keine Lust mehr hat. Wenn die plötzlich sagen würden: ,Schluß, aus!‘, da hätte keiner etwas davon."