Von Hans C. Blumenberg

Vor neun Jahren, als er für ganze 43 000 Dollar den später bei der Berlinale preisgekrönten Film "Greetings" in den Straßen von New York drehte, träumte er davon, der amerikanische Godard zu werden. Vor sieben Jahren, als Hollywood ihn zum erstenmal engagierte, scheiterte er mit "Get to Know your Rabbit". Kurz vor Ende der Dreharbeiten wurde ihm die Regie entzogen, der Film verschwand in den Archiven. Vor drei Jahren gelang ihm mit der Rock-Version von Gaston Leroux’ klassischem Schauerroman "Das Phantom der Oper" ein beachtliches Comeback. In Paris avancierte "Phantom of the Paradise" zum Kultfilm. Seit einem Jahr gilt er als einer der "heißesten" neuen Regisseure Hollywoods. Sein moderner Horrorfilm "Carrie" gehört zu den größten geschäftlichen Erfolgen der Saison.

Brian De Palma, 1940 in Philadelphia geboren, hat lange gebraucht, um sich als Filmemacher durchzusetzen. Unter den Regisseuren des "Neuen Hollywood", zu denen nicht zuletzt sein langjähriger Freund Martin Scorsese ("Mean Streets", "Taxi Driver") zählt, ist er einer der ältesten. Seine Karriere geht zurück bis ins Jahr 1960, als der junge Physikstudent der New Yorker Columbia-Universität mit einigen Freunden den experimentellen Kurzfilm "Icarus" drehte, Vier Jahre später schon folgte der erste unabhängig produzierte Spielfilm "The Wedding Party" mit einem gerade 19jährigen Schauspielschüler namens Robert De Niro in einer der Hauptrollen. De Niro, damals noch völlig unbekannt, spielte auch in "Greetings" und der Fortsetzung "Son of Greetings", die später in "Hi, Mom!" umgetitelt wurde: einen von voyeuristischen Phantasien heimgesuchten Vietnam-Heimkehrer in New York.

Ein amerikanischer Godard will Brian De Palma längst nicht mehr werden, eher ein neuer Hitchcock. Wo sich seine frühen, frei improvisierten und "on location" gedrehten politischen Satiren am unorthodoxen Stil der Pariser "Nouvelle Vague" orientierten, findet er heute seine Vorbilder in der Hollywood-Klassik: "Ich interessiere mich für reines Kino und möchte meine Filme eigentlich ausschließlich in Bildern erzählen. Die Einführung des Tonfilms hat das Kino nachteilig beeinflußt. Das visuelle Element ist gegenüber dem Wort, den Dialogen ins Hintertreffen geraten. Die meisten der großen Regisseure, die ich bewundere, haben noch beim Stummfilm angefangen: Alfred Hitchcock, John Ford, Howard Hawks. Und der absolute Meister dieses rein visuellen Geschichtenerzählens ist Hitchcock. Er hat uns das filmische Vokabular gegeben, das wir benutzen und erweitern müssen."

So spricht ein Epigone, doch De Palma, ein breiter, bärtiger Typ, der noch immer wie ein Student aussieht, ist kein flinker Leichenfledderer wie Peter Bogdanovich, der sich in den letzten Jahren zunehmend darauf spezialisiert hat, den vergilbten Glamour des schönen alten Genre-Kinos auf neu zu schminken und zu vermarkten: der Regisseur als Kosmetiker. De Palma ist ehrlicher, er bekennt sich zu seinen Vorlieben bis hin zum offenen Plagiat, das freilich durch seinen äußerst exaltierten, emotional aufgeladenen Stil eine neue, überraschende Eigenständigkeit gewinnt. Gleich zwei der drei Filme von De Palma, die 1977 in unseren Kinos zu sehen sind, folgen offensichtlich Hitchcockschen Vorlagen, kopieren deren Handlungsmuster bis in einzelne Details.

In "Obsession" (Schwarzer Engel, 1975) erzählt De Palma die Geschichte eines Geschäftsmannes aus New Orleans, der während einer Europa-Reise in Florenz die Doppelgängerin seiner vor fünfzehn Jahren bei einer Kidnapping-Affäre ermordeten Frau entdeckt. Unversehens gerät seine geordnete Welt ins Wanken, er erliegt einer zügellosen Obsession, heiratet die junge Italienerin und gerät zum zweitenmal in ein mörderisches Komplott. Die vermeintliche Doppelgängerin erweist sich als seine eigene Tochter, dazu als williges Werkzeug einer wahrhaft diabolischen Intrige, die ausgerechnet sein bester Freund angezettelt hat. Der Film endet auf dem Flughafen von New Orleans. Minutenlang umkreist die Kamera in immer schnelleren Bewegungen die beiden Protagonisten, dazu braust ein symphonisches Gewitter des Hitchcock-Komponisten Bernard Hermann, der u. a. die Musik zu "Der unsichtbare Dritte", "Aus dem Reich der Toten" und "Psycho" schrieb.

Noch abstruser geht es in "Sisters" (Die Schwestern des Bösen, 1972) zu, einer Mord- und Horrorgeschichte, in der attraktive siamesische Zwillinge namens Danielle und Dominique eine zentrale Rolle spielen. Eine junge Reporterin beobachtet zufällig einen Mord im Haus gegenüber, doch niemand glaubt ihr, auch die Polizei nicht. Die Leiche ist im Sofa versteckt, die schöne Heldin kommt knapp mit dem Leben davon, der böse Zwilling wetzt die Messer, Blut fließt in Strömen: Grand Guignol in New York. Auch hier stammt die Musik von Bernard Hermann, auch hier ist Hitchcock in jeder Szene präsent. De Palma kombiniert Elemente aus "Psycho", "Das Fenster zum Hof" und "The Rope" zu einer Anthologie von Hitchcock-Situationen, zu einer blutroten, manchmal leicht ironischen Hommage an den Meister. "Obsession" – das Drehbuch stammt von Paul Schrader, dem Autor von "Taxi Driver" – ist dagegen nur von einem Hitchcock-Film, vielleicht seinem besten, inspiriert: "Vertigo" (Aus dem Reich der Toten).