Erbittert wird in den Betrieben um die kleinen Statussymbole gerungen

Von Brigitte Zander

Zu seiner Büroresidenz führt ein mit schwarzem Marmor verkleideter Korridor. Neben dem Eingang zu seinem Allerheiligsten ist ein holzgeschnitzter lebensgroßer Löwe postiert, der in Metro-Goldwyn-Mayer-Manier furchteinumfaßt sein Maul aufreißt. Seine Arbeitssuite umfaßt eine Fläche, wie sie sonst nur einem Großraumbüro zukommt." So beschrieb einst der Literaturdetektiv Günter Wallraff das Chefdomizil von Hans Gerling.

Doch nicht nur vergangene und noch amtierende Firmenherrscher schätzen respektgebietende Büropracht. Auch – und vor allem – innerhalb der mittleren Rangebenen der Firmenpyramide gelten eine eigene Sekretärin, ein Palisander-Arbeitsmobiliar oder ein flauschiger Teppich als gefragte, weil "offensichtliche" Dokumentation beruflichen Erfolgs.

"Die Statussymbole in einem Betrieb sind ein wichtiger Karriereanreiz, ein unverzichtbarer Bestandteil der Verdienstpalette für leistungsmotivierte Aufsteiger", stellte der Betriebspsychologe Oswald Neuberger von der Universität München fest. Die Möbelordnung bei der Hypobank oder die Fensterverteilung bei IBM bewege manchen dort Beschäftigten ebenso wie ein Mehr an Urlaubsgeld oder ein Rentenbonus. "Ein neuer Prachtsessel mit Armlehnen kann das Selbstwertgefühl eines rangbewußten Mitarbeit ters meßbarer steigern als eine Hundert-Mark-Zulage", erforschte Neuberger.

Der Wissenschaftler berichtete zur Untermauerung dieser Feststellung von einem grotesk anmutenden Vorfall in einer großen deutschen Elektrofirma. Ein Direktor schaffte sich ein neues Miller-Sesselmodell an und überließ sein altes Sitzgestell gedankenlos einem seiner beiden Stellvertreter, ohne an die verletzten Prestigegefühle des anderen Vertreters zu denken; der ruhte denn auch nicht eher, bis er sich ein gleiches Exemplar organisiert hatte.

Wer ist hier der Boß?