Mit einem neuen Gesetz will Amerika das globale Verbot der Spraydosen provozieren

Am kommenden Dienstag wird, wenn nichts mehr dazwischenkommt, die Lebens- und Arzneimittelbehörde der Vereinigten Staaten (FDA) ein Verbot der Sprays ankündigen, der handlichen Sprühdosen, mit denen Haare in die gewünschte Form geklebt, Körpergeruch überdeckt, Schweiß gestoppt, Sonnenöl auf die Haut gebracht, Isolierlacke aufgetragen, Insektenvertilgungsmittel verbreitet, Reinigungschemikalien auf elektrische Kontakte, Möbelpolitur auf Möbel, Brandsalbe auf Wunden, Klebstoffe auf Papier, Retusche auf Photos, Reinigungsflüssigkeit in den Backofen und unzählige andere Stoffe an den Ort ihrer Wirksamkeit gebracht werden. Die Treibgase solcher Sprays, Fluorkohlenwasserstoffe, werden auf der Erdoberfläche nicht zersetzt und diffundieren darum unbeschadet in immer höhere Luftschichten, bis sie dort angelangt sind, wo sie chemisch reagieren können, in der Ozonhülle, die unseren Planeten umschließt und uns vor krebserzeugender und pflanzenzerstörender Ultraviolettstrahlung schützt.

Die Gelehrten sind sich freilich noch uneins darüber, ob diese gefährliche Reaktion überhaupt stattfindet. Ihr Mechanismus ist äußerst kompliziert. In Höhen über zehn Kilometer ist die von der Sonne herrührende Ultraviolettstrahlung so stark, daß sie die ansonsten stabilen Fluorkohlenwasserstoffe aufbrechen kann, wobei Chlor freigesetzt wird, das zweier Reaktionen mit Ozon fähig ist. Beide können dazu führen, daß sich die Ozonhülle allmählich verdünnt. Nicht nur theoretisch, sondern sogar in Laborexperimenten ist diese Möglichkeit nachgewiesen worden. Dennoch sind letzte Zweifel daran, ob sie in der Hochatmosphäre realisiert wird, keineswegs ausgeräumt. Auch gibt es Wissenschaftler, die vermuten, daß die ohnehin ständig stattfindende Produktion neuen Ozons in der Schutzhülle den Verlust selbst dann noch ausgleichen könne, wenn die Hauptmenge der Fluorkohlenwasserstoffe, die wir im letzten Jahrzehnt versprüht haben, beim Ozonschild ankommt – was Mitte oder Ende der achtziger Jahre der Fall sein wird.

Man kann sich also auf den Standpunkt stellen: Vorerst ist ja noch nicht bewiesen, daß überhaupt eine Ozonzerstörung stattfindet, warum also auf bloßen Verdacht hin eine Bequemlichkeit aufgeben?

Die Crux aber ist: Wenn wir jahrelang auf einen Beweis warten wollen, fahren wir jahrelang fort, die potentiell gefährlichen Stoffe gen Himmel zu schicken; und sollte sich dann erweisen, daß sie tatsächlich gefährlich sind, werden wir unwiderruflich einen viel größeren Schaden anrichten, als jetzt zu erwarten ist. Mit ihrem Spray-Bann also nehmen die Amerikaner in Kauf, daß sie ihre Bürger möglicherweise zu Unrecht der praktischen Spraydosen berauben, um für die gesamte Erdbevölkerung ein ebenso mögliches globales Unheil abzuwenden.

Niemand hat ein so schnelles Handeln der Amerikaner erwartet. Wahrscheinlich ist dies eine Reaktion auf die vor einigen Wochen offenbar gewordene Unlust anderer Herstellerländer der Spray-Treibgase, ein solches Verbot auch nur zu diskutieren. Wenn die USA die Sprays von ihrem Markt verbannen, werden die übrigen Staaten nicht mehr umhin können, das gleiche zu tun, hofft man in Washington.

Zu wünschen wäre es schon, daß zum Beispiel auch die Bundesrepublik Deutschland, eines der führenden Länder in der Treibgas-Produktion, merkantile Geschäftsinteressen hinter dem Schutz vor einer möglichen Gefahr für künftige Generationen zurückstellen würde. Gewiß, es erfordert Mut zur Unpopularität, ein Verbot der beliebten Sprays zu erlassen. Aber der Schutz unserer Kinder und Kindeskinder vor einer möglichen Katastrophe müßte doch auch für bundesdeutsche Politiker verpflichtend sein – oder?

Thomas v. Randow