Es war wie in guten alten Zeiten: Schnurrende Fernsehkameras und einige Dutzend Journalisten. Im Herz- und Kreislaufzentrum Rotenburg hatte Albert Osswald seinen großen Auftritt. Aber es war wohl der letzte in dieser Preisklasse, denn der ehemalige Ministerpräsident von Hessen teilte der Öffentlichkeit mit, daß er "umgehend" nun auch das Amt des SPD-Landesvorsitzenden aufgeben und "noch vor dem Ende der Legislaturperiode" sein Landtagsmandat niederlegen werde. Im übrigen wies er mit hochrotem Kopf alle Vorwürfe zurück, die gegen ihn erhoben worden waren. Wenn man ihn so hörte, mußte man den Eindruck gewinnen, hier sei ein armer Unschuldiger das Opfer einer hemmungslosen Pressehetze und Verleumdungskampagne geworden.

Meldungen über staatsanwaltschaftliche Ermittlungen im Zusammenhang mit Darlehen der Hessischen Landesbank (Helaba) an den damaligen Regierungschef und Helaba-Verwaltungsratsvorsitzenden Albert Osswald hatten bei der Hessen-SPD Katastrophenalarm ausgelöst. Die Berichte, Osswald habe 1971/72 Helaba-Geld für den eigenen Bedarf zu geschäftsunüblichen Vorzugsbedingungen erhalten, mußten allerdings auch eine starke Schockwirkung auslösen, denn Osswald hatte immer wieder versichert, sich keine persönlichen Vorteile aus seinen politischen Funktionen verschafft zu haben.

Als die Verluste der Hessischen Landesbank (zunächst an der Millionen-Elle zu messen, später auf die Milliarden-Skala übergriffen) ans Licht der Öffentlichkeit kamen, hatte die Riesenpleite nicht nur die vielfältigsten finanziellen Aspekte; im Vordergrund des Interesses stand vielmehr die Politik im weitesten Sinne, denn satzungsgemäß fungierte der Ministerpräsident des Landes als Vorsitzender des Verwaltungsrates. Damit wurde der damalige sozialdemokratische Regierungschef Albert Osswald zum Hauptangriffsziel der christdemokratischen Opposition.

Doch die Erörterungen über Schuld oder Unschuld stießen gegen eine Mauer der Abwehr, wenn die Frage auftauchte, in welchem Umfang denn überhaupt ein amtierender Ministerpräsident, neben den Belastungen durch die Regierungsgeschäfte, das Finanzgebaren einer Großbank so fundiert kontrollieren kann, um tatsächlich Verantwortung übernehmen zu können. Jetzt wurde nun bekannt, daß sich Albert Osswald in den Finessen des Geld- und Kreditbereiches offenbar doch recht gut auskannte, wenn es um die Deckung des eigenen Bedarfes ging.

Die Aufdeckung dieser neuen Dimension des Helaba-Skandals, die von der funktionalen Problematik in die Begriffswelt des menschlichen Versagens und der moralischen Verantwortlichkeit führt, ist ausgerechnet einer Institution zu verdanken, die von der hessischen CDU-Opposition oft genug bezichtigt worden war, intensiv und kritiklos das Propagandageschäft der regierenden Sozialdemokraten zu betreiben: Der Hessische Rundfunk war es, der erfahren hatte, daß Albert Osswald zu seiner Zeit als Ministerpräsident und Helaba-Verwaltungsratsvorsitzender zu ungewöhnlich günstigen Bedingungen an Darlehen für den privaten Bedarf gekommen sein sollte. Von der Hessischen Landesbausparkasse soll Osswald für den Ausbau der Osswald GmbH (eine Büroartikel-Firma) Bauspardarlehen in Höhe von etwa einer Million zu Konditionen erhalten haben, die mit den üblichen Vergabeverfahren nicht zu vereinbaren sein sollen.

Wie das alles gelaufen ist, wurde zunächst nur in groben Zügen bekannt. Aber daß die Osswald-Million einen noch größeren Sturm entfesseln wird, als die Helaba-Milliarde, ist zu vermuten. Viele Anzeichen deuten darauf hin: Ministerpräsident Holger Börner kam umgehend vom österlichen Österreich-Urlaub nach Wiesbaden, der FDP-Fraktionsvorsitzende Stein beendete seine Ferien und Albert Osswald (zur Stunde noch Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des hessischen SPD-Gesamtverbandes) wurde auf einer Spanien-Rundfahrt aufgespürt und zum Rapport beordert. Und die Frankfurter Staatsanwaltschaft hat sicher nicht ohne ernsthaften Grund bei der Hessischen Landesbank die entsprechenden, Kreditunterlagen beschlagnahmt.

Die berühmten "politischen Beobachter" kalkulieren bereits, daß die neuen SPD-Skandalgeschichten den Christdemokraten zu den letzten Prozenten verhelfen werden, um bei den nächsten Landtagswahlen (1978) die absolute Mehrheit zu schaffen. Der "Fall Osswald" erhält bei derartigen Überlegungen eine Schlüsselfunktion. Jetzt scheint das Vertrauen endgültig verspielt. Weil erstmalig die persönliche Integrität eines Sozialdemokraten in hoher politischer Verantwortung zur Debatte stand.