Um ein glückliches Familienleben zu führen, muß man der modernen Zeit Rechnung tragen. In die Lüneburger Heide oder die Alpen auszuweichen, ist keine Lösung. "Hic Rhodos, hic salta!" sagte schon unser alter Lateinlehrer im Lyzeum sehr richtig, indem er auf den spöttischen Rat hinwies, dort zu tanzen, wo man ist, und nicht in Rhodos oder in der Lüneburger Heide oder in den Alpen. Aus diesen Gründen haben wir auf ein modernes Hochhaus ein modernes Penthouse gesetzt.

Etwas Stahl und viel Glas, so ist unsere Behausung nach den neuesten Prinzipien des Umweltumganges konstruiert: Ist die den Menschen umgebende Atmosphäre nicht leicht durchsichtig, so braucht man große Fenster, um dies auszugleichen. Dabei verfügen wir über eine selbsttätige Fensterwaschanlage. Die Glaswände werden außen von oben bis unten berieselt (winters mit warmem Wasser), sobald ein gewisser Schwerdurchsichtigkeitsgrad erreicht ist. Wir haben, in jedem Zimmer einen Durchsichtigkeitsmesser, der – nach dem Prinzip des Thermostats arbeitend – automatisch die Berieselungsanlage in Gang setzt.

Übrigens, da wir von der Lüneburger Heide sprechen... Unser kleiner Werner muß zwei, drei Jahre alt gewesen sein, als wir hinausfuhren und den Hermann-Löns-Stein aufsuchten. Plötzlich weinte der arme Junge bitterlich, obwohl er nie eine Strophe Löns zu Gehör bekommen hatte. Mein Mann und ich sahen einander betroffen an und mußten plötzlich schallend, lachen. Es war nämlich die Sonne aus den Wolken hervorgetreten. Unser Kleiner – sensibel, wie er ist – war darüber ganz erschrocken, er wußte nicht, was geschah, bekam förmlich Angst und sehnte sich nach den Schwaden zurück, die ihm von der Wiege an vertraut waren. Heute ist das natürlich anders. Er hat im Schulhof und auf der Straße die Vollsonne kennengelernt. Aber so richtig gemütlich ist es ihm nur zu Hause, wo wir unseren Wohnstil unserer Umwelt angepaßt haben: schwarze Bettwäsche im Schlaf-, aber auch schon im Kinderzimmer.

Wie haben Sie es, meine liebe Freundin, denn mit dem Fahrstuhl gemacht? Kinderfahrstühle gibt es ja noch nicht, leider, leider

Ach, wissen Sie, darüber wird so viel geschwätzt und gewitzelt. Haben Sie zum Beispiel gehört, was man der Familie des Doktor Schröder nachsagt? Sie hätten ebenerdig gewohnt, solange der kleine Theo noch nicht laufen konnte. Aber wer wohnt schon ebenerdig? Also sind die Schröders – so sagt man –, in den ersten Stock gezogen, als Klein-Theo auf Zehenspitzen an den untersten Knopf im Fahrstuhl reichen konnte; und so immer höher gezogen, sobald der Junge an den nächsten Knopf reichte. Das ist natürlich maßlos übertrieben. In Wirklichkeit war Dr. Schröder bis zum dritten Stock Privatdozent neben seiner damals kleinen Praxis, im fünften Stock außerordentlicher Professor, im achten Stock Ordinarius mit zehn Privatpraxis-Witten in der Uni-Klinik, und er wäre bei seiner Beliebtheit wohl noch höher gekommen, wenn er nicht plötzlich weichgemacht worden wäre.

Wieso weich? Und durch wen?

Er hat die S-S-S-Lunge entdeckt: die Schorn-Stein-Staub-Lunge. Mit achtzehn spuckte Theo schwarz, und damit hat er Frau Schröder ganz weichgemacht und diese dann den Professor Schröder. Na, und wie es so geht: Schröders haben jetzt dieses S-S-S-Sanatorium bei Bevensen in der Lüneburger Heide. Fünfhundert Betten! Aber wetten, daß es dort bloß um psychosomatische Fälle geht? Wir jedenfalls sind glücklich, wir brauchen nicht nach Bevensen. Aber wissen Sie, was mir neulich in Gelsenkirchen passiert ist? Spricht mich doch auf offener Straße ein Mann an: "Sagen Sie mal, liebe Frau! Das ist ja doll! Daß jetzt sogar die Frauen einfahren!" Er hatte gesehen, daß ich immer etwas Ruß an den Lidern, den Wimpern und Augenecken habe. Doch wissen. Sie, mit einem Bergmann verwechselt zu werden, das hat mich nicht gestört. Das habe ich direkt als Ehre empfunden!