Von Alexander Mayr

Auch für die kleineren Banken gelten die gesetzlichen Kontrollvorschriften", das hatte Oswald Aeppli, damals noch Generaldirektor, inzwischen Verwaltungsratspräsident der Schweizerischen Kreditanstalt, Mitte März der Weltwoche erklärt. "Nur lassen sich diese dort mitunter überspielen, während dies bei den größeren Instituten nicht der Fall ist, wo meist noch ein zusätzlicher rigoroser interner Kontrollapparat wirkt." Und zwei Wochen später, als Aeppli die Präsidentschaft übernahm, tönte Verwaltungsrats-Vize Hans Schwarzenbach: Er finde eine "untadelige Bilanz" vor, "mit Reserven wohl dotiert".

Beide haben sich getäuscht. Am vergangenen Donnerstag teilte die Kreditanstalt der erstaunten Öffentlichkeit mit, ein "voraussichtlich erheblicher Verlust" sei entstanden, verursacht durch Manipulationen der Filialdirektion in Chiasso. Wenn der Schaden wirklich so groß ist, wie inzwischen gemunkelt wird – nämlich eine Viertelmilliarde harter Schweizer Franken –, dann würde dieser Fall alle bisher in Helvetien verzeichneten Finanzskandale in den Schatten stellen. Chiasso jedenfalls, das bislang nur als Grenzbahnhof zu Italien bei den Eidgenossen einen Namen hatte, ist seit Freitag in der Alpenrepublik als Symbolwert für "Finanzskandal" in aller Munde.

Begonnen hatte die Geschichte vor rund drei Jahren. In der Absicht, mehr als andere zu leisten, hatte die – erfolgsbeteiligte – Direktion der Kreditanstalt-Filiale am südlichen Rand des Kantons Tessin "Geschäfte" getätigt, die Kunden und Bank mehr als üblich einbringen sollten. Als die Sache schief zu laufen drohte, warfen die Tessiner aus Angst, der Verstoß gegen die bankinternen Richtlinien könne Folgen haben, und in der Hoffnung, damit eine Sanierung der dubiosen Schuldner herbeizuführen, dem schlechten Geld laufend gutes nach. Der Zürcher Zentrale wurden die entsprechenden Positionen ganz einfach verheimlicht, was möglich war, da es sich um nicht bilanzwirksame Treuhandgelder von Kunden handelte.

Die Direktoren hatten diese von der Bank – auf Kosten und Risiko des Kunden – ausschließlich zur Anlage bei ersten Euromarktadressen entgegengenommenen Gelder ganz einfach abgezweigt und sie an Finanzierungsgesellschaften weitergegeben, die dafür höhere Zinsen zahlten, als am Euromarkt zu bekommen gewesen wären. Und dort ist ein Teil der Gelder denn auch verschwunden.

Um diese Manipulationen den Argusaugen der Revisoren zu entziehen, gab es für die Anleger zwar die Empfangsbestätigung auf Kreditanstalt-Formularen, die entsprechende Buchhaltung wurde aber zumindest zu einem Teil "außer Haus geführt" (Kreditanstalt-Direktor Hans Mast). Schwierigkeiten, Kunden anzuwerben, hatten die ungetreuen Treuhänder nicht; denn die Zinssätze für die in Chiasso vermittelten angeblichen "Euromarktanlagen" waren notgedrungen höher als anderswo.