"Zwischen Wahn und Wirklichkeit; Kunst – Psychose – Kreativität", von Alfred Bader und Leo Navratil. Psychose und Kunst – was haben sie miteinander zu tun? Der Kunstmarkt hat die bildnerische Produktion der "Geistes-Kranken" längst vereinnahmt; dem Verdacht einer "Ästhetisierung der Psychose", gegen den sie sich doch verwahren, können auch die Autoren des vorliegenden, opulent aufgemachten Bildbandes, beide als eminente Sachkenner ausgewiesen, sich nur schwer ganz entziehen. Präsentieren sie "Künstler als Kranke" und "Kranke als Künstler" nicht unter dem Leitbegriff des "Imaginären Museums", finden sie nicht gar "in den Leitbildern der modernen Kunst und Literatur die Maßstäbe für die Bewertung der Ausdrucksleistungen unserer Patienten" (die doch gerade nicht bewertet, sondern verstanden werden sollten)? Psychose kann kreative Kräfte entbinden, dafür bietet der Band, die erste umfassende Gesamtdarstellung seit Prinzhorn, eindrucksvolles Material; die Psychose selbst läßt sich als "kreativ" interpretieren, doch ist die Kreativität des Schizophrenen, so das zentrale Axiom, "nichts anderes als die allgemeinmenschliche Kreativität für die nur im "normalen" Bewußtseinszustand wenig Raum ist. Hier gibt es Definitionsprobleme; die Autoren definieren Kreativität rein psychologisch und vollkommen wertneutral (Kreativität schließt Banalität nicht aus). Kunst aber als "soziologisches und historisches Phänomen" liegt auf einer anderen Ebene. Die Autoren, die bekennen, das Verständnis für die "psychopathologische Kunst" über die moderne Kunst gefunden zu haben, sind dennoch bereit, manchen Schöpfungen Geisteskranker den Rang allgemeingültiger Kunstwerke zuzugestehen. Vieles bleibt da noch ungeklärt; daß es Widersprüche deutlich macht, ist nicht das geringste Verdienst dieses anregenden Buches. Erst im Nachwort findet es zu dem entscheidenen Aspekt: Die bildnerische Produktion psychotischer Menschen hat Mitteilungscharakter, dementiert den ihnen zugeschriebenen "Autismus" und ist eine Aufforderung, den Dialog mit ihnen wiederherzustellen. (Verlag J. C. Bucher, Luzern, 1977; 300 S., 520 Abb., 128,– DM.) Hans Krieger