Moralische Grundsätze sind notwendige Grundlagen für die Politik, ohne sie ließe sich Politik nicht betreiben. Politik wird in erster Linie durch Unterschiede in der Moral, in zweiter Linie erst durch Interessengegensätze bestimmt. Es muß dem Politiker aber auch möglich sein, die Moral seines Gegners zu achten und zwischen der eigenen und der gegnerischen Moral Kompromisse zu finden.

Präsident Carter steht am Beginn seiner Amtszeit, und ich finde es nur recht und billig, wenn er seinen Standpunkt, seine moralischen Grundsätze allen, die es wissen wollen, deutlich klarmacht. Abstriche lassen sich dann immer noch machen, Kompromisse können immer noch gefunden werden. Ein Präsident, der wenigstens die Absicht hat, seine Moral in die Politik einzubringen, ist mir lieber als jemand, der nur Interessen vertritt und damit das moralische Gelände kampflos dem Gegner überläßt.

Ulrich Keding, 20 Jahre

Ein Politiker kann für sich als Mensch verbindliche moralische Normen anerkennen, als Politiker sollte er sich jedoch hüten, sich als Moralapostel aufzuführen. Carters Politik der Rückbesinnung auf amerikanische Ideale hat bisher dazu geführt, daß er sich teilweise von seinen Zwängen als Präsident löste und in unpopulärer Weise die Menschenrechte vertrat. Unglaubwürdig macht sich der sich taktisch unklug verhaltende Neuling jedoch, wenn er in doppelbödiger Weise einigen totalitären Staaten die Finanzhilfen streicht, andere aber ungeschoren läßt. Fragwürdig ist auch das religiöse Image, mit dem sich Carter umgibt, um damit die für das harte politische Geschäft meist notwendige Skrupellosigkeit zu verdecken. Uwe Meyer, 18 Jahre

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Die Politik des Herrn Carter zeigt deutlich, daß er von einer "selektiven Moral" ausgeht und diese doppeldeutige Moral auch in der Praxis anwendet. Präsident Carter bemüht sich, die USA als eine sittlich-moralische Autorität in der westlichen Welt darzustellen, verunsichert aber alte Verbündete der USA in Europa und Südamerika. Das moralische Recht, von dem Carter in seiner Kritik ausgeht, ist gespalten. Die moralische Legitimation, die die Administration Carters zu haben glaubt, kann schnell zu Anmaßung, Selbstverherrlichung, Arroganz und letztlich zur Isolation der USA in der Welt führen. Die Legitimation zur Kritik an anderen Staaten, welche die Menschenrechte verletzen, ist zweifelhaft, solange man Ungereimtheiten herausfordert: Brady Thomas sprach vor der Menschenrechtskommission der UN sein Bedauern über die Rolle einiger amerikanischer Behörden und Privatgruppen aus, die beim Sturz der Regierung Allende mitgewirkt hatten. Reaktion Carters: "Unangebracht." Der Diplomat wurde nach Washington beordert. – Andrew Young, UN-Botschafter der USA, wertet kubanische Truppen in Afrika als stabilisierend für das militärische Gleichgewicht. Widerspruch: Die USA unterstützen seit jüngster Zeit Zaire mit Waffen und Munition.

Durch derartige Widersprüche nimmt sich Amerika selbst in den Augen vieler Staaten die Legitimation zur Kritik. US-Außenminister Vance erklärte dazu: "In jedem Fall müssen wir die politischen Besorgnisse um die Menschenrechte gegen Wirtschafts- und Sicherheitsfragen abwägen." Wirtschaftlich nicht potente Länder und militärisch unwichtige Nationen werden von Carters "Bannstrahl" getroffen, Diktaturen wie Südkorea und der Iran werden geschont. Dies entspricht sicherlich nicht den hohen moralischen Ansprüchen der Carter-Administration an andere Regierungen. Roland Klattenhof, 17 Jahre