Von Heinz Timmermann

Die Wandlungen bei den sogenannten Eurokommunisten stellen für die Sowjetführung ideologisch und politisch eine große Herausforderung dar. Wie erklärt sie diese Entwicklungen, welche Verteidigungsstrategien hat sie entwickelt und wie sieht sie die Perspektive ihrer Beziehungen zu den Eurokommunisten?

Was die Analyse der Entwicklungen bei den Eurokommunisten angeht, so gestehen die sowjetischen Parteiideologen undGesellschaftswissenschaftler selbstkritisch zu, über der Auseinandersetzung mit dem Maoismus in den letzten Jahren die Einschätzung des "Rechtsrevisionismus" vernachlässigt zu haben. Eine nur flüchtige Untersuchung erster einschlägiger Analysen der Ursachen des Wandels bei den Eurokommunisten zeigt jedoch, daß die sowjetischen Theoretiker zu einer tiefschürfenden und realistischen Einschätzung nicht fähig und wahrscheinlich nicht einmal bereit sind. Man sucht eher nach Scheingründen, um einer realistischen Analyse und ihren ideologischen und politischen Konsequenzen auszuweichen.

Die sowjetischen Theoretiker gehen davon aus, daß der Wandel bei den Eurokommunisten nicht aus dem Innern der Parteien selbst stammt, sondern ihnen durch äußere Faktoren aufgedrängt wird. Dahinter steht die – vor allem auf das Publikum im eigenen Machtbereich gemünzte – Absicht, die Unantastbarkeit des Kernbestandes der marxistisch-leninistischen Ideologie, Strategie und Taktik ("allgemeine Gesetze") zu unterstreichen und zu unterstellen, nur unzuverlässige Elemente in diesen Parteien seien anfällig für eine Aufweichungspolitik des Westens. In diesem Sinne zeichnen sich bei den sowjetischen Theoretikern verschiedene, durchaus kombinierfähige Argumentationsmuster ab. So wird beispielsweise gesagt:

  • Die Schwankungen bei den Eurokommunisten sind unter anderem darauf zurückzuführen, daß das starke Anwachsen dieser Parteien Kräfte, vor allem kleinbürgerlicher Herkunft, in ihre Reihen geschwemmt hat – Kräfte, die ideologisch und politisch noch nicht gerechtfertigt sind und die nun im Sinne reformistischer Konzeptionen Druck auf ihre Parteiführungen ausüben.
  • Im Zuge der, Entspannung ist es den Eurokommunisten. gelungen, ihre nationale Verankerung zu verstärken, es wächst ihnen mehr nationale Verantwortung zu. Dadurch aber geraten sie in Versuchung, dem Nationalen gegenüber dem Internationalen Priorität einzuräumen.
  • Die konzeptionellen Differenzen zwischen den regierenden. Parteien Osteuropas einerseits und den Eurokommunisten andererseits sind bedingt durch das zeitliche Nacheinander im Obergang vom Kapitalismus zum Sozialismus und werden in der historischen Perspektive aufgehoben. Der Verwirklichung der historischen Mission der Arbeiterklasse und ihrer kommunistischen Partei liegen die gleichen Gesetzmäßigkeiten zugrunde, die freilich nicht gleichzeitig zur Entfaltung und Anwendung gelangen.

Aus sowjetischer Sicht kann und wird es in Einzelfragen Differenzen zwischen regierenden und nichtregierenden kommunistischen Parteien geben. Diese Differenzen dürfen jedoch eine bestimmte Grenze nicht überschreiten. Drei Voraussetzungen vor allem sind es, an die Moskau die Weiterführung normaler Beziehungen zu den Eurokommunisten knüpft:

1. Die Eurokommunisten dürfen ihre spezifischen Konzeptionen nicht als langfristige Strategie zum Aufbau eines demokratischen Sozialismus verstehen, sondern müssen sie als bloße Taktik zur Eroberung der Macht ansehen. Denn der Verwirklichung der historischen Mission der Arbeiterklasse liegen in den Augen Moskaus die gleichen Gesetzmäßigkeiten zugrunde – Gesetzmäßigkeiten, die sich in der sowjetischen Gesellschaft am breitesten entfaltet haben.