2. Die Eurokommunisten müssen darauf verzichten, mit ihren Konzeptionen offensiv in die UdSSR und ihr osteuropäisches Vorfeld hineinzuwirken. Denn es wäre absurd, eine Gesellschaft wie die sowjetische, die nach Ansicht des KPdSU-Sekretärs und Politbürokandidaten Ponomarjow "in konzentrierter, verallgemeinerter Form das Wesen und das lebendige Antlitz des reifen Sozialismus" verkörpert, auf längst überwundene Entwicklungsstufen zurückschrauben zu wollen.

3. Die Eurokommunisten müssen die sowjetische Außenpolitik in ihren Grundlinien unterstützen. Denn eine Stärkung der Sowjetunion und der sozialistischen Gemeinschaft ist die Voraussetzung für die Stärkung und Ausbreitung des Sozialismus in der Welt überhaupt.

Nicht ohne Grund stellt sich die Sowjetführung inzwischen die Frage, ob diese drei Voraussetzungen als Geschäftsgrundlage der zwischenparteilichen Beziehungen noch in vollem Umfang bestehen. Als besonders gefährlich erachtet sie die Auswirkungen der eurokommunistischen Konzeptionen auf ihre osteuropäischen Gefolgsstaaten, zumal sich reformkommunistische Kräfte in diesen Ländern immer häufiger darauf beziehen und gemeinsam mit dem großen Kreis der Bürgerrechtsbewegungen in zunehmendem Maße moralische Unterstützung von den Eurokommunisten erhalten. Zu Recht fürchtet Moskau, daß dies für den osteuropäischen Kommunismus in Kombination mit möglichen Auswirkungen des dritten Korbs von Helsinki sowie mit wirtschaftlichen Engpässen in einigen Ostblockländern langfristig systemgefährdende Konsequenzen haben könnte.

Eine Reihe von Anzeichen sprechen dafür, daß es innerhalb der Sowjetführung Differenzen über das taktische Vorgehen gegenüber den Eurokommunisten gibt – Differenzen zwischen Befürwortern einer härteren Linie (Suslow, Ponomarjow, Sarodow) und eines flexibleren, Kurses (Breschnjew selbst und Leute seines Vertrauens wie Sagladin). Bei allen taktischen Differenzen sind sich beide Seiten freilich in zwei Punkten einig:

Keine Gruppe in der Sowjetführung ist bereit, den Eurokommunisten Konzessionen in Grundsatzfragen zu machen. Denn das hätte unübersehbare Konsequenzen für das eigene System.

Andererseits ist aber auch keine Gruppe an einem Bruch mit den Eurokommunisten interessiert. Denn zum einen würde ein weiterer Zerfall der kommunistischen Bewegung langfristig die Legitimationsbasis der KPdSU im eigenen Lande und in ihrem osteuropäischen Herrschaftsbereich unterspülen und jenen (beispielsweise den Chinesen) recht geben, die die sowjetische Politik als reine Großmachtpolitik beschreiben. Ist es Breschnjew zufolge doch gerade "die Kampfgemeinschaft der marxistisch-leninistischen Parteien", die die "sichere Grundlage" und die "zementierende Kraft" der sozialistischen Gemeinschaft bildet.

Zum anderen verspricht sich Moskau von den Eurokommunisten nach wie vor direkte oder indirekte Unterstützung bei seiner dynamisch verstandenen und langfristig angelegten Koexistenzpolitik, Westeuropa in einen Prozeß kontrollierter Destabilisierung allmählich unter sowjetischen Einfluß zu bringen. Hier freilich gewinnt die klassische Dualität der sowjetischen Außenbeziehungen – die gleichzeitige Pflege der zwischenparteilichen und der zwischenstaatlichen Beziehungen – für die KPdSU eine neue und zunehmend schwieriger zu beherrschende Dimension, da diese Dualität jetzt auch ihr Verhältnis zu den Parteien selbst betrifft. Einerseits kann die KPdSU nicht umhin, gegen den ideologischen Revisionismus der Eurokommunisten vorzugehen und sie zur Befolgung der allgemeinen Gesetze des Marxismus-Leninismus anzuhalten. Anderseits aber sind diese Parteien auf nationaler Ebene teilweise bereits so stark, daß sie von der Sowjetführung als ernsthafte Bestimmungsfaktoren der zwischenstaatlichen Beziehungen in Rechnung gestellt und entsprechend pfleglich behandelt, werden müssen. Nicht zuletzt in dieser Mehrschichtigkeit des Moskauer Ansatzes liegt die Erklärung für die zunächst merkwürdig scheinende Kombination ideologischer Angriffe und politischen Entgegenkommens der KPdSU gegenüber den italienischen Kommunisten.