Neuwahlen sollen eine handlungsfähige Regierung schaffen

Von Josef Joffe

Istanbul, im April

Es gibt in der Nato nur zwei Länder, die in Tuchfühlung mit der Wirklichkeit stehen", dozierte der Senator aus Ankara, "nämlich Norwegen an der Nordflanke und die Türkei im Südosten." Dann wurde sein Tonfall um ein paar Grade beschwörender: "Drehen Sie sich doch um – hinter Ihnen passiert gerade ein sowjetisches Kriegsschiff den Bosporus."

Pflichtgemäß verrenkten seine Zuhörer ihre Köpfe in Richtung des ausgestreckten Arms. Tatsächlich, in der diesigen Meerenge, kaum zwei Kilometer breit, glitt ein Schiff unter der roten Hammer-und-Sichel-Flagge vorbei. Nur war es weder ein Kreuzer noch ein Zerstörer, sondern ein Tanker der Handelsmarine. Gewiß, die Übertreibung war gewollt ironisch, ein Regietrick, der die exponierte Lage wie auch den strategischen Wert der Türkei für die Besucher aus dem Westen .dramatisieren sollte. Die Verwechslung hatte jedoch noch einen anderen, ungewollten Effekt – sie unterstrich den schmalen Grat zwischen Schein und Sein, Wollen und Wirklichkeit, auf dem die türkische Außenpolitik derzeit wandelt.

Gebrochene Optik

Seit dem amerikanischen Waffenembargo vom Februar 1975, das die Türken nach ihrer gewaltsamen Landung auf Zypern im Sommer 1974 zur Räson bringen sollte, fühlt sich Ankara vom Westen verraten und verlassen. Enttäuschung gepaart mit diplomatischer Isolierung läßt sie die Welt durch eine gebrochene Optik betrachten. Entrüstet weisen sie den Vorwurf der Aggression zurück. Schließlich war es ja der mißlungene Putsch gegen Makarios, inszeniert von den Obristen in Athen, der den labilen Status, quo in Zypern aus den Angeln gehoben hat. Sie selbst, so behaupten die Türken, seien ja nur ihren bedrängten Brüdern auf der von Griechen dominierten Insel zu Hilfe geeilt. Sind sie nicht immer die getreuesten Partner der westlichen Allianz gewesen? Warum haben die Amerikaner gerade ihnen eine Lektion in internationaler Moral erteilt und nicht auch anderen den Rüstungshahn zugedreht, die – wie etwa die Franzosen in Suez und die Israelis im Sechs-Tage-Krieg – ebenfalls zur Waffe gegriffen haben?