Wie keine andere symbolisiert die Nationale Heilspartei das gespaltene Identitätsgefühl der Türken. Verpackt in ultranationalistischer Rhetorik serviert Erbakan dem Wahlvolk eine schwer genießbare Mischung aus vorwärtsdrängender Schwerindustrialisierung und rückwärtsgewandtem islamischen Klerikalismus. Kraft seiner strategischen Position im Regierungsbündnis hat Erbakan nicht nur jegliche Flexibilität in der Zypernfrage verhindert, sondern auch die gesamte Regierungsarbeit zum Stillstand gebracht. In seiner Verzweiflung über die erpresserischen Manöver seines Koalitionspartners hat Demirel nun endlich der Forderung nach vorgezogenen Wahlen am 5. Juni stattgegeben, die sein Hauptrivale Bülent Ecevit, der Führer der sozialdemokratischen Republikanischen Volkspartei, seit 1974 propagiert hat.

Drei Millionen Arbeitslose

Schon heute verfügt Ecevits Volkspartei mit 189 Sitzen über den größten Stimmenblock in der Nationalversammlung, die aus insgesamt 450 Abgeordneten besteht. Die rapide Urbanisierung des Landes und steigende Arbeitslosigkeit haben den Sozialdemokraten immer mehr Anhänger zugetrieben, während die Konservativen Boden verloren haben. Ecevit gibt sich so siegesbewußt, daß er heute schon den Tag nach der Wahl beklagt, an dem ihm "eine winzige Opposition" gegenüberstehen wird. Seine Furcht ist freilich kaum begründet, denn er müßte mindestens 37 Abgeordnete hinzugewinnen, um überhaupt eine knappe absolute Mehrheit zusammenzuschirren.

Obwohl jeder sie ersehnt, glaubt niemand an das Zustandekommen einer starken Einparteienregierung, die des Terrorismus an den Universitäten, einer Inflationsrate von 20 Prozent und einer Arbeitslosenzahl von drei Millionen Herr werden kann. "Wenn wir Glück haben", resignieren die Beobachter, "dann bekommen wir höchstens eine große Koalition zwischen den Sozialdemokraten und den Konservativen."