Von Horst Kerlikowsky

Governor George C. Wallace geriet ins Schwärmen: "These fine people from Germany", begrüßte er die Unternehmensführung des Frankfurter Edelmetall- und Chemieunternehmens Degussa. Wallace, den die Folgen eines Attentats an den Rollstuhl fesseln, hatte das Unternehmen während einer Europareise 1975 besucht und erklärte seinen Landsleuten nun: "Was gewinnbringend für Degussa ist, ist auch profitabel für die Bevölkerung von Alabama."

Anlaß für die überschwenglichen Worte war die Eröffnung eines Chemiewerkes der Degussa im Industriegebiet von Theodore an der Mobile Bay im Südstaat Alabama. Für 110 Millionen Dollar war ein Komplex entstanden, in dem 250 Mitarbeiter einen Arbeitsplatz gefunden haben und wo später einmal 400 Amerikaner jährlich 4,7 Millionen Dollar an Lohn und Gehalt verdienen sollen.

Für den 58jährigen Politiker Wallace ist das die Gelegenheit, sich als Wirtschaftspolitiker zu profilieren, der durch ein Industrieansiedlungsprogramm Arbeitsplätze für die Zukunft schafft. Schließlich geht es auch um seine politische Zukunft. 1978 läuft seine dritte Gouverneurszeit ab, und Wallace kann nicht mehr wiedergewählt werden. Dann will er sich in den Senat nach Washington entsenden lassen – und dazu scheinen die alten Schlagworte nicht mehr zu genügen. Die von ihm einst verfochtene "Rassentrennung für immer", sein Ruf nach "law and order", sein propagierter "Aufstand der Mittelklasse" brachten, ihm zwar weltweite Publizität und ließen ihn sogar noch Ende 1975 zum aussichtsreichen Bewerber um die Präsidentschaft werden; doch auch seinen Landsleuten ist die Arbeitsplatzsicherung heute wichtiger geworden als politische Schlagworte.

Alabama, so muß Wallace sich von seinen Gegnern immer wieder vorrechnen lassen, rangiert auf vielen Gebieten an letzter Stelle unter den fünfzig Bundesstaaten: Die Kindersterblichkeit ist dort am höchsten, das Bildungssystem am rückständigsten und der gesetzliche Mindestlohn am niedrigsten. Das Steuersystem, so seine Kritiker, trifft bei den hohen Verkaufssteuern vor allem die Armen, während die Reichen sich über niedrige Einkommensteuern freuen,

Ein staatliches Industrieansiedlungsprogramm soll das ändern. Dazu wurde das Straßennetz großzügig ausgebaut und gegenwärtig wird ein neuer Kanal ausgehoben. Ausländischen Unternehmen werden günstig Grundstücke und Finanzierungen angeboten und Steuervergünstigungen gewährt. Schließlich bietet ein staatliches Schulungsprogramm Unternehmen die Möglichkeit, Arbeitskräfte nach ihren Wünschen auf Staatskosten – das Budget beträgt 1,7 Millionen Dollar jährlich – ausbilden zu lassen. Dem Alabama Development Office gelang es mit diesem Paket von Vergünstigungen, über dreißig Unternehmen in den Südstaat zu locken; darunter befinden sich Firmen wie Ciba-Geigy, BASF, Dunlop, Salzgitter, Shell, Sony und jetzt Degussa. Allein zwischen 1970 und 1976 kündigten Unternehmen Investitionen von sechs Milliarden Dollar an.

Für Wallace ist es denn auch nicht nur lästige Pflicht, wenn er die Eröffnungsrede in dem neuen Degussa-Werk hält, sich durch die Fabrikhallen rollen läßt, Hände der Arbeiter schüttelt, mit ihnen redet und zu bayerischer Musik der Trachtenkapelle aus Raleigh in North Carolina beim "German Lunch" einen Steinkrug stemmt.