Die Mineralölkonzerne versuchen wieder, die Autofahrer stärker zur Kasse zu bitten

Immer im Frühling, wenn die Reiselust der Bundesbürger erwacht, fassen sich die Ölmanager ein Herz. Höhere Benzinpreise sind vonnöten, so befanden sie in diesem wie auch in den vergangenen Jahren. Wenn die Autofahrer schon mehr tanken, so kalkulieren die Benzin-Verkäufer, dann ist die Gelegenheit günstig, ihnen in die Tasche zu greifen. Durchschnittlich zwei Pfennig mehr pro Liter wollen die Spritverkäufer haben, nur in Berlin beließen sie es bei einer Preiserhöhung von einem Pfennig.

Begründet wird die höhere Forderung auch in diesem Jahr mit der unbefriedigenden Ertragssituation im Mineralölgeschäft. An jeder Tonne Rohöl, das in den heimischen Raffinerien zu Heizöl oder Kraftstoff verarbeitet wird, verlieren die Konzerne derzeit zwischen 15 und 20 Mark. Das bei früheren Preiserhöhungen zusätzlich vorgebrachte Argument, es werde nur eine Anpassung an den gestiegenen Rohölpreis vorgenommen, war diesmal nicht zu hören. Kein Wunder: Eine Tonne des Rohprodukts kostet am Umschlagplatz Rotterdam jetzt 248,50 Mark, nur knapp zwei Mark mehr als vor einem Jahr.

Doch so sehr die Ölbosse in Hamburg und bei der Bochumer Aral auch stöhnen, daß sie die Mitte April verordnete Preisanhebung auch durchsetzen können, ist nicht sichtbar. Die Erfahrungen lehren eher das Gegenteil.

So scheiterten die Konzerne zuletzt vor drei Monaten, als sie den Benzinpreis um einen Pfennig heraufsetzen wollten. Im Mai und Juni desvergangenen Jahres langten sie besonders kräftig zu. An Autobahntankstellen und in wettbewerbsschwachen Landstrichen wurde teilweise mehr als eine Mark für den Liter Super-Benzin gefordert. Doch nach heftigen Protesten von allen Seiten – Bundeskanzler Helmut Schmidt erinnerte die Unternehmer an ihre Verantwortung, Verkehrsminister Kurt Gscheidle erregte sich über das "Preisdiktat" der Konzerne – laben die Töchter der Ölmultis klein bei. Vom Gipfel von knapp 97 Pfennig für einen Liter Super (Bundesdurchschnitt) bröckelte der Preis beständig ab bis auf 91 Pfennig am Jahresende.

Zwar klagte Shell-Chef Johannes Welbergen über die "absolut abnorme Situation" und Veba-Chef Rudolf von Bennigsen-Foerder, zu dessen Einflußbereich auch die Aral gehört, meinte, der Überschwemmung der Bundesrepublik mit billigen Importölen müsse mit dirigistischen Maßnahmen begegnet werden, aber ändern konnte das Lamentieren über das Preisniveau gar nichts.

Stets erwiesen sich die Marktkräfte, vor allem die attraktiven Benzinpreise an Verbrauchermarkt-Tankstellen, als stärker und durchkreuzten die Absichten der Konzernoberen. Fehlspekulationen kamen hinzu. Die Gesellschaften, die sich vor der Opec-Preiserhöhung zum 1. Januar 1977 reichlich mit billigem Öl eingedeckt hatten, saßen plötzlich, als die Ölförderländer Mäßigung zeigten, auf Beständen, die mit hohen Zinskosten belastet waren und keinen Preisvorteil mehr boten.