Pakistan steht offensichtlich vor dem Bürgerkrieg. Mehr als 300 Menschen sind bisher bei blutigen Zusammenstößen ums Leben gekommen.

Seit den Wahlen am 7. März (genauer: seit der Ankündigung dieser Wahlen im Januar), ist Pakistan nicht mehr zur Ruhe gekommen. Fast jeden Tag treten die politisch fanatisierten Massen, vor allem in den beiden größten Städten Pakistans, Karachi und Lahore, zum Kampf gegeneinander an. Dabei sind die Anhänger des Premierministers Bhutto und seiner Pakistan Peoples Party (PPP) durch die Anhänger der Oppositionskoalition Pakistan National Alliance (PNA) in arge Bedrängnis geraten. Das gleiche gilt auch für den Premier selber.

Die PNA hatte sich trotz aller Siegeszuversicht bei den Parlamentswahlen mit mageren 36 Sitzen bescheiden müssen, während 155 Parlamentssitze an Bhuttos Partei gegangen waren. Doch der Vorwurf massiver Wahlfälschungen ist seitdem nicht mehr verstummt, und der Appell der Opposition, die unmittelbar darauf anstehenden Provinzwahlen zu boykottieren, wurde weitgehend befolgt.

Es gibt keinen Zweifel, daß Wahlfälschungen vorgekommen sind, wenn auch nicht so häufig, wie die Opposition behauptet. Allerdings erscheint es unverständlich, warum auch die Bhutto-Partei auf diese unselige Tradition zurückgriff. Nötig hätte sie es nicht gehabt. Denn die neun Oppositionsparteien konnten weder mit einer nationalen Führerfigur noch mit einem überzeugenden Alternativprogramm aufwarten. Im Gegenteil: Ihre Hauptpropagandisten waren eifernde Mullahs, die eine streng islamische, fortschrittsfeindliche Staatsform predigten.

Wenn nun trotzdem die Forderung nach dem Rücktritt Bhuttos und einer Wiederholung der Wahl (unter militärischer Aufsicht) auf ein derartiges Echo trifft, dann beweist das, wie tiefe Wunden Bhuttos autokratischer Regierungsstil geschlagen hat. Die Ereignisse im Nachbarland Indien, wo sich eine überraschend große Mehrheit der Bevölkerung für die Rückkehr zur Demokratie und gegen Indira Gandhi entschied, sind nicht spurlos an Pakistan vorübergegangen.

Ob die Opposition und ihre Anhänger wissen, was sie tun, wenn sie jetzt mit den Militärs gemeinsame Sache machen und sogar einen Putsch der Generäle befürworten, ist fraglich. Abgesehen von einer kurzen Zeit nach der Unabhängigkeit ist das Land – durchaus nicht immer zu seinem Vorteil – ausschließlich von Militärs beherrscht worden. Sie waren auch für den Krieg um Bangla Desh und den Zerfall des Doppel-Staates verantwortlich.

Bhutto, seit Dezember 1971 Staatspräsident, seit 1973 Ministerpräsident Pakistans, hat als einziger Zivilist der Armee Paroli bieten können. Es sieht so aus, als ob die Generäle dies nicht länger hinnehmen wollen. Gabriele Venzky