Kein Präsident, der seine Pflichten treu erfüllen möchte", hat James K. Polk einmal geseufzt, "kann sich Müßiggang leisten." Jimmy Carter spricht diese Maxime seines Amtskollegen, der Amerika Von 1845 bis 1849 regierte, aus dem Herzen, Imponierte der Südstaatler schon als Wahlkämpfer durch seinen rastlosen Einsatz, so ist seine Arbeitswut als 39. US-Präsident längst Legende. Um das Entscheidungstempo Carters hautnah zu erleben, hat der Time-Korrespondent Stanley Cloud dem Präsidenten Anfang April einen Tag lang über die Schulter geschaut. Was Cloud dabei erlebte, könnte dem Drehbuch eines Action-Films entstammen.

Das hektische Szenario des Weißen Hauses trägt den Titel "The President’s Schedule" (Terminplan des Präsidenten). Am 6. April führte Carters Kalender allein von 8.30 Uhr bis 15,30 Uhr nicht weniger als elf Einzelgespräche und Konferenzen an. Doch bevor das offizielle Programm begann, war der Präsident längst Zur Stelle. Seit 6.45 Uhr saß Carter wie gewöhnlich am Schreibtisch seines kleinen Studios. Dorthin zieht er sich häufig zurück, wenn ihm das angrenzende, ovale Präsidentenzimmer über den Kopf wächst. Ein Kaminfeuer knisterte, der Morgenkaffee dampfte, und aus dem Lautsprecher erklang die Begleitmusik der präsidialen Aktionen: Bach, Mozart, Puccini.

Die Schallplatten laufen den ganzen Tag. Doch Jimmy Carter hört sie nicht nur zum Vergnügen, sondern auch, um sich fortzubilden. Damit ihm Titel und Komponisten der jeweils gespielten Stücke automatisch eingehen, schreibt ihm Seine Sekretärin die Daten auf kleine gelbe Karten. In einer anderen Kunst hat sich der Präsident inzwischen ebenfalls belehrt, Mit Hilfe eines Kurses in schnellem Lesen steigerte er seine Aufnahmegeschwindigkeit seit Februar von 700 Wörtern pro Minute auf 1200 Wörter. Sein Schlußexamen bestand Carter, wie Cloud berichtet, indem er an einem einzigen Abend drei Bücher verschlang; eines davon War John Steinbocks "Von Mäusen und Menschen".

Außenpolitik, vertraute der Präsident dem Time-Korrespondenten an, bereite ihm viel Spaß. Vor allem wegen "meiner Möglichkeit, öfter aus eigenem Ermessen zu handeln als in der Innenpolitik". Wie außenpolitisches Handeln unter Carter abläuft, konnte der Journalist aus eigener Anschauung erleben. Nachdem Sicherheitsberater Brzezinski dem Präsidenten beim morgendlichen Routinegespräch auch ein paar Geheimdienstneuigkeiten aus Afrika mitgeteilt hat, greift Carter zum Telephonhörer und erklärt Vizepräsident Mondale mit etwas Metall in der Stimme: "Ich möchte Sie bitten, Cy (Vance) und Zbig (Brzezinski) zu sagen, daß sie alles nur mögliche unternehmen, damit Somalia unser Freund wird."

Im Laufe des Tages gedenkt Carter auch noch der bereits bestehenden Freundschaft zu anderen Ländern. Während er. den Senatoren im Kabinettsraum seine Antiproliferations-Politik erläutert, weist er darauf hin, daß es Ländern wie der Bundesrepublik und Japan schwerer als Amerika fallen könnte, auf Schnelle Brüter zu verzichten. Deshalb, meint der Präsident, "werde ich Fukuda und Schmidt noch einmal klarmachen, daß wir durchaus einen Unterschied zwischen unserer eigenen und ihrer Situation sehen".

Selbst in seinem Kabinett stößt Carters Energiepolitik Offenbar auf Mißverständnisse. Finanzminister Blumenthal und Wirtschaftsberater Schultze haben ihm ein umfangreiches Schreiben geschickt, in dem sie davor warnen, bei energiepolitischen Maßnahmen ohne ihre vorherige Konsultation Nägel mit Köpfen zu machen. "Sie behandeln mich wie einen Idioten", empört sich der Präsident. "Ob sie wohl glauben, daß ich Politik mache, ohne mich vorher mit den übrigen Kabinettsmitgliedern zu beraten?"

Wie politische Entscheidungen im Weißen Haus vorbereitet werden, erlebte der Time-Korrespondent bei einer Sitzung der gesamten Regierungsmannschaft. Thema ist das neue Energie-Konzept, das Carter den Amerikanern Anfang dieser Woche vorstellte. Fünf Stunden lang muß der zuständige Fachmann James Schlesinger die Zweifel seiner Kollegen entkräften. Dreieinhalb Stunden lang stärkt ihm der Präsident aber den Rücken. Später lobt er seinen Energie-Zaren als einen "sehr geschickten Mann", der sich "blendend verteidigte".