Professor in brauner Zeit

Von Werner Ross

Als Schüler, erinnere ich mich, mußten wir die "Jugenderinnerungen eines alten Mannes" von Wilhelm von Kügelgen lesen und waren verstimmt. Auch Goethes "Dichtung und Wahrheit" fanden wir eher langweilig. Offenbar muß man erst selber älter werden, um auf den Geschmack solcher Erinnerungsbücher zu kommen (ausgenommen natürlich die Lebensberichte der Stars, die sich wie Illustriertenromane lesen, Klatsch, Skandal, mit etwas tieferer Bedeutung angereichert).

Wem viel passiert ist, der kann viel erzählen. Die Altherren-Memoiren dagegen, die hier gemeint sind, bieten eher behäbige, planvoll aufgebaute Karrieren, die nur durch die Zeitereignisse strapaziert worden sind. Trotzdem scheint nicht nur das Bedürfnis der Schreibenden zu bestehen, solche Rückblicke auf besonnte und gelegentlich kräftig verschattete Vergangenheit zu geben; auch Leser wollen wieder, wissen, wie es war – aus dem doppelten Interesse an der "guten alten Zeit" und an den "kritischen Jahren" vor und nach 1933, in denen man sich bewähren, an denen man sich vorbeischleichen konnte.

Nach den Erinnerungen von Karl Korn, Gerhard Storz, Josef Pieper liegen nun zwei weitere Erinnerungsbände vor –

Hans-Georg Gadamer: "Philosophische Lehrjahre – Eine Rückschau"; Vittorio Klostermann, Frankfurt, 1976; 244 S., 24,50 DM

Wolfgang Trillhaas: "Aufgehobene Vergangenheit – Aus meinem Leben"; Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1976; 296 S., 32,– DM

Gadamers Erinnerungsbuch bereitet einige Verlegenheit. An der Bedeutung dieses Philosophen, an dem Epochencharakter seines wichtigsten Buches, "Wahrheit und Methode", auch an seiner schriftstellerischen Kraft und Sensibilität ist nicht zu rütteln. Die Lebenserinnerungen aber sind blaß: eine, mühsame, nicht gelungene Anstrengung, die verlorene Zeit zu beschwören, ein Versuch am untauglichen Objekt.

Professor in brauner Zeit

Natürlich ist auch der Erzähler Gadamer nicht irgendwer; und wer an der Rekonstruktion des alten, stellenweise auch schon "linken" Marburg der Bultmannzeit interessiert ist, wer Philosophiegeschichte in Porträts und Anekdoten umgemünzt erfahren will, wen das Planspiel der akademischen Berufungen fesselt, kommt mit diesen philosophischen Lehrjahren (die mit der Emeritierung vorläufig enden) auf seine Rechnung. Aus Namen – Husserl, Heidegger, Natorp, Nicolai Hartmann, Scheler – werden nicht nur Ideengebäude, sondern auch Figuren. "Rickert sah überhaupt nichts als sich selber – ein Nervenbündel, beständig an seinem Vollbart zwirbelnd und die spiegelnden Kappen seiner Schuhe beäugend." Das Namenregister am Schluß belegt, welche Namen damals zählten, von Barth und Bultmann bis Jaspers und Kommerell, von Reinhardt bis Löwith, von Curtius bis Auerbach, das war beispiellos, und der brillante Professorensohn Hans-Georg war Liebkind mittendrin.

Es war die Hochblüte der "Geistesgeschichte", und das Dritte Reich kam wie der Reif in der Frühlingsnacht. Ganz schnell war alles verwelkt. Im Frühjahr 1933 stellte sich die Frage, wie es bei akademischen Festakten mit dem Hitlergruß zu halten sei. "Die salomonische Auskunft war, daß der Hitlergruß von Trägern von Talaren aus Stilgründen gar nicht erwiesen werden könne." Salomonisch in der Tat, aber kaum ein Trost, zumal Talare ja keine Berufstracht sind. "Schwierig blieb es freilich, die richtige Balance zu halten, sich nicht so weit zu kompromittieren, daß man entlassen wurde, und doch für Kollegen und Studenten kenntlich zu bleiben." So war es: Tausende von Professoren, die "dagegen" waren, auf dem Schwebebalken, nicht einmal die Sieben von Göttingen kamen zusammen.

Zum Schluß erzählt Gadamer, wie er sich nach dem Krieg als Rektor mit der russischen Besatzungsmacht durchgeschlagen hat, geschickt und würdig, in den akademischen Formen, niemand zweifelt daran. Rückblickend stellt man fest: es war eine festgefügte Welt, mindestens so geschlossen wie die Aristokratie. Aber der Brutalität von Macht und Masse war sie nicht gewachsen.

Was die "Geistesgeschichte" im besonderen betrifft: sie war ebenso hochfliegend wie anschauungsschwach, nicht nur der sozialen Wirklichkeit fern. "In Florenz sah ich viel Schönes – das weiß man." Mehr nicht, außer dem Kauf einer rindledernen Aktentasche, die an die Töchter überging und jetzt wieder ihrem Käufer dient. Andersens Spruch braucht hier nur leicht variiert zu werden: Alles vergeht – Rindsleder besteht...

Die Erinnerungen des evangelischen Theologen Wolfgang Trillhaas sind im Vergleich zu Gadamers Darstellung geradezu prall mit Leben gefüllt. Sie erzählen, wie es der epische Brauch will, genau, manchmal für den Nichteingeweihten zu genau, wo es um den Streit der theologischen Richtungen, um die Namen und Kennzeichnungen von Kollegen, um die Feinheiten der verschiedenen Milieus geht. Jedenfalls ist man mittendrin in jener "Eine feste Burg ist unser Gott"-Welt, von der nur Toren meinen, sie sei in den letzten Jahrzehnten ausgehöhlt oder weggeschwemmt worden. Sie war, wie sich in der Nazizeit erwiesen hat, auf sehr viel solideren Grundlagen aufgebaut als die akademische, und sie hat auch in einer oft übers Ziel hinausschießenden Diskussion ihre Positionen gehalten.

Der Ertrag dieser Biographie ist ansehnlich. Trillhaas hat außer den akademischen Rängen wichtige Stellungen in der ökumenischen Bewegung und im Lutherischen Weltbund innegehabt, hat auch das Pfarrer- und Predigeramt von der Pike auf gelernt. Vor allem aber: er erinnert sich. Es gelingen ihm schlagende Kennzeichnungen, die den Geruch des Verschwundenen wieder aufsteigen lassen wie Prousts Madeleines. So die Atmosphäre der Jugendbewegung: "Die Art, wie einer über das Sonnwendfeuer sprang, konnte mich für Wochen einem Ideal dienstbar machen." Oder die Praxis des Lutherischen Weltbundes mit seiner ,,Hotelzimmer-Theologie": Manche der führenden Persönlichkeiten "waren für mich Beispiele eines verdeckten Klerikalismus, der viel verdeckter zu Werk gehen konnte, als es den weltlichen Politikern möglich ist, und viel klerikaler, als es dem Image der römischen Katholiken entspricht".

Zu den großen Vorzügen der Erinnerungen des Professors Trillhaas gehört es, daß er ein völlig ungeschminktes Bild der "braunen Zeit", vor allem der damals für angehende Professoren unerläßlichen Schulungslager, zeichnet. Wie der Gang auf dem Schwebebalken, wirklich aussah, welche Art von Akrobatik nötig war, das ist hier nüchtern, auch ohne Schonung oder Beschönigung des eigenen Verhaltens, erzählt.

Die Theologie, so lesen wir da, machte sich im Lager nicht schlecht. Warum? Der spätere Heidelberger Kirchenhistoriker Erich Dinkler, eine Sportkanone, spielte allein gegen eine ganze Elfermannschaft Handball. Das war gewissermaßen der Gottesbeweis von 1933. Der von 1977 erwächst aus der Fülle des gelebten Lebens und aus dem Niederschlag ungezählter Erfahrungen mit Frau, Kindern, Pfarrkindern, Studenten, Kollegen, Freunden, überzeugend und nirgendwo ausdrücklich formuliert.