Von Johannes Schenk

Treppen sind meist mühselig zu besteigende Einrichtungen, sie strengen an, wenn man beladen ist, sie werden achtlos begangen, sie machen Herzklopfen, wenn man, bepackt mit Taschen und Koffern, sie betritt, um im vierten Stock irgendwo an einer Tür zu klingeln, die sich öffnet oder nicht öffnet. Brechts Gedicht von den gebrauchten Gegenständen findet sich bei Tobias Weichberger, dem jungen Maler aus Berlin, wieder.

Mit welcher Akribie er die abgewetzten Stufen und diese gerade Berliner Treppen eigentümliche Dunkelheit malt, das ist erstaunlich perfekt und gleichzeitig genau das Gegenteil davon. Das Handwerk hat der Maler, Radierer und Zeichner präzise gelernt. Und mehr noch als von den Ölbildern bin ich berührt von den so scheinbar zufälligen, oft wie Skizzen hingeworfenen Zeichnungen: die zeigen einen kleinen Drehstuhl, ein Waschbecken, eine geöffnete Tür, Fenster. Der Drehstuhl sieht aus, als ob er gleich gehe und nicht der, der auf ihm gesessen hat. Der Drehstuhl will weg, sein Korbgeflecht ist zerfetzt, wilde Strähnen hängen an den Seiten herunter, der Stuhl hat die Nase voll. Er ist zersessen worden.

Es gibt niemanden auf diesen Zeichnungen, der die Gegenstände benutzt, aber es ist zu sehen, daß sie gerade gebraucht wurden, der Mensch, der drauf saß, ist vorstellbar, das Kabel an der Wand, das irgendwo beginnt oder irgendwo auf dem Fußboden endet, zeigt diese Vergeblichkeit, Kommunikation herzustellen, und ist doch genau die. Auf der Zeichnung „Das Telephon ist abgestellt worden“: eine Steckdose mit abgerissenem Kabel und ein Malstock, umwickelt mit einem Stoffball; alles Interieur des Malers, sein Selbstbildnis, wobei er sich scheut, sein Gesicht zu zeigen, und vielleicht selber nicht merkt, daß es ständig da ist.

Photorealismus in Deutschland ist nie so heftig und aufregend gewesen wie der in New York. Weichberger kommt aus der Schule, aber er ist kein Plagiator, seine Skurrilität, seine Brüche in den Gegenständen, die er nebeneinanderstellt, sind seine Brüche mit der Wirklichkeit. Es gibt Studien, unzählige Studien, einige davon sind ausgestellt, zu den Bleistiftzeichnungen. Sie sind oft mindestens so erregend wie die fertigen Bilder. Auf ihnen notierte der Zeichner Variationen von Waschbecken auf Stühlen, von Tüchern daneben, vom alltäglichen Kram. Es gibt Beschreibungen der Farben, der Grautöne, des Lichtes. Oberall dies merkwürdige, etwas diffuse Licht, das die Dinge trennt und dann wieder ganz hart schildert, aufmacht. Ich habe in Chicago eine Ausstellung von Oldenbourg gesehen, da hingen an den Wänden Skizzen, Entwürfe zu den fertigen Objekten. Gerade diese Skizzen waren schön. Tobias Weichberger hat mich sehr an diese Ausstellung erinnert. Er ist ganz er selbst, kein Adept, jemand, der dem Gegenstandsrealismus in Deutschland auf die Sprünge helfen kann, nicht bloß Abbild macht. Davor bewahrt ihn sein Witz und sein Sich-immer-wieder-in-Frage-Stellen, Neu Anfangen und das Fragmentarische: die Ecke des Zimmers, lädiertes Hingestelltes, Abgewetztes, Gebrauchtes, Betretenes. Das macht die Sachen schön. Man kann sie anfassen, man kann die gemalte Treppe hinaufgehen, man ist nicht sicher, ob jemand zu Hause ist, es kann auch ein erschrockener Gang werden, es bleibt offen.

Es gibt eine Radierung von Weichberger, betitelt „Stopfgarn und Pistole“, beide auf einem schiefen Tischchen, ein absurdes Nebeneinander, das einen betroffen macht. Schon lange gab es in Worpswede keine so interessante Ausstellung eines zeitgenössischen Malers. (Galerie Laves, Bergstraße 11, bis 20. Mai)