Die Bundeswehr ist, wie das Gesetz es befiehlt, dazu da, Volk und Staat der Bundesrepublik zu verteidigen. In Nürnberg nun ist die Bundeswehr vor kurzem gegen einen inneren Feind angetreten. Er heißt Spectrum und stellt eine Jugendzeitschrift dar. Sie wird in einer Auflage von etwa 10 000 Stück an Schüler und Lehrlinge der ehemaligen Freien Reichsstadt abgegeben. Das soll sich ändern. Die Bundeswehr will ihren kleinen Feind zur totalen Kapitulation zwingen.

Dies ist geschehen: Spectrum hat eine 15köpfige, etwa 16 bis 17 Jahre alte, vorwiegend pazifistisch engagierte Mannschaft. Sie macht nicht nur das Redaktionelle, sondern sorgt sich auch um Inserate. Dabei war es ihr Ende letzten Jahres gelungen, für eine Ausgabe eine Anzeige der Bundeswehr zu bekommen, die sich um "Nachwuchs" sorgt und ihn offenbar auch auf dem Umweg über ein pazifistisches Schülerblättdien zu finden hoffte. Überschrift des Inserats: "Warum gehen technische Könner eigentlich für acht Jahre zu den Pionieren des Heeres?" Auf der Rückseite dieses mit 750 Mark bezahlten militärischem Werbebeitrags – und das war der Anlaß für die Kriegserklärung der Bundeswehr – stand ein Artikel, in dem sie nach Strich und Faden madig gemacht wurde.

Nun geschieht ähnliches in der großen Presse auch. Während des Wahlkampfes etwa nahmen stark konservativ orientierte Blätter überall im Bundesgebiet Werbung der Sozialliberalen auf, und umgekehrt gab es Zeitungen, die im politischen Meinungsteil den "Schwarzen Riesen" aus Main intellektuell zerlegten, während daneben und darunter die CDU-Wahlanzeige diesen Vorsitzenden gerade als den Retter Deutschland pries.

Aber der Ton macht auch hier die Musik. Und sie klang bei den jungen Leuten aus Nürnberg doch recht schrill. Sie setzten sich nicht nur speziell mit dem Text des voraufgegangenen Inserats in einem redaktionellen Beitrag auseinander – was allein schon den Rahmen üblichen publizistischen Brauchs sprengte –, sondern tat dies überdies mit indiskutablen Metaphern. Leseprobe aus Spectrum: "Da steht zunächst, daß man "täglich mit interessanten Aufgaben konfrontiert wird‘. Für Sadisten ist es sicherlich interessant, in welcher Weise man seinen Gegner schlachten darf." Das Schülerblatt übte sich in Verbalradikalismus.

Die Reaktion kam prompt. Die Bundeswehr wandte sich an die Inserenten des Blättchens mit der Aufforderung, die Schrift in Zukunft zu boykottieren. Ein Verantwortlicher aus dem Hause Leber (zitiert nach Spectrum) schrieb an Anzeigenkunden: "Ich möchte nur an Ihre Loyalität appellieren und Sie fragen, ob Sie auch in Zukunft ein Blatt unterstützen wollen, das einen Inserenten in dieser kriminellen Art behandelt."

Schützenhilfe erhielt das Militär von einem einzelgängerischen Alliierten: dem CSU-Vorsitzenden im südlichen Nürnberger Ortsteil Eibach, Johannes Klöden, der lange als Elternbeiratsvorsitzender amtierte, zuletzt aber nicht wiedergewählt worden war. Klöden diente sich den Anzeigenauftraggebern gleichfalls mit der Aufforderung an, "Überlegungen anzustellen, ob es nicht vernünftiger wäre, durch Ihre Anzeige echte Schülerzeitungen zu unterstützen... als ein Blatt mitzufinanzieren, welches mit Fälschung, Betrug und Täuschung arbeitet."

Unter so viel Beschuß ist Spectrum zunächst einmal in volle Deckung gegangen. In der neuesten Nummer, die kürzlich erschienen ist, beginnt man Waffenstillstandsgespräche vorzubereiten. Rückzieher auf der ganzen Linie. Das Blatt veröffentlicht den Leserbrief eines Mädchens. Es weiß zur Bundeswehr: "Ich glaube sagen zu können, daß sie gar nicht so mies ist." Und zum Thema Weltpolitik: "Wollt Ihr Euch im Falle eines Krieges hinstellen und auf die Gnade Eurer Feinde hoffen?" Ein Oberleutnant darf über den inkriminierten Anti-Anzeige-Artikel sagen: "Er zieht 480 000 Bürger unseres Staates in den tiefsten Dreck." Und in einer eigenen "Richtigstellung" der Redaktion wimmelt es nur so von Formulierungen wie "So war das nicht gemeint."