Von Wolfram Runkel

Mein Gegner hieß Kim I und lag in einem Aktenköfferchen, das er – verbunden mit einem Kassettenrecorder – gerade bequem ausfüllte. Er hatte eine Tastatur und eine Anzeigenleiste ähnlich wie ein Taschenrechner, war aber ein Computer, der außer seinen Schnellrechenkünsten und Speicherfähigkeiten auch Schach spielen konnte.

Ein kanadischer Schachmeister hat ihn programmiert, und die amerikanische Coumputerfirma hatte mich zu einer Partie herausgefordert, um wohl mit der Spielstärke des Mannes im Koffer auch gleich seine sonstigen Fähigkeiten beweisen zu können.

Gegen einen seelenlosen Computer zu spielen hat seit Schachgedenken für alle Matadoren einen besonderen Reiz! Die Maschine hat keine Nerven, ärgert sich nicht, wenn sie verliert (wie Exweltmeister Spasski nach einem Sieg erfreut notierte), spielt ohne Psychoterror und ohne Tricks, wie sie unter Großmeistern üblich sind (Aljechin spielte gegen einen Katzenfeind mit einer Mieze auf dem Schoß; erst jüngst nervte beim Kandidatenturnier der Russe Polugajewski seinen Gegner Mecking dadurch, daß er die Figuren immer an den Rand des Feldes anstatt in die Mitte setzte).

Unfähig, solche Tricks anzuwenden, ist er umgekehrt natürlich auch gegen Tricks seines Gegners gefeit, auch gegen jeden erlaubten Einsatz psychologischer Mittel, ohne die normalerweise kaum eine Partie gespielt wird.

Das älteste Modell einer solchen Maschine war der berühmteste "Schachautomat" des Herrn von Kempelen, der ihn 1769 im Auftrag der Kaiserin Maria Theresia gebaut hatte. Der Apparat – auf einer Art Kommode saß eine als Türke verkleidete Puppe – spielte jahrelang mit wechselndem Erfolg auf öffentlichen Vorführungen in aller Welt, angeblich auch gegen Berühmtheiten der Zeitgeschichte wie Napoleon, der den Automaten dreimal hintereinander mit einem unerlaubten Zug verwirren wollte, worauf dieser die Figuren vom Brett fegte. Erst 1826 enthüllte Edgar Allan Poe bei einem Amerikabesuch des Automaten dessen Geheimnis: In der Kommode war ein Schachspieler so raffiniert versteckt, daß man ihn sogar dann nicht sehen konnte, wenn die Kommodentürchen geöffnet wurden.

In meinem Automatengegner konnte jedenfalls kein Mensch versteckt sein. Er lag friedlich in seinem Köfferchen, ganz konzentrierte Elektronik. Übrigens hat er Allüren und stellt Bedingungen, wie es selbst Bobby Fischer nicht gewagt hätte: Er spielt grundsätzlich nur weiß, will also immer den ersten Zug machen.