Schon bei ihrer Entstehung steckte die Bundeswehr in dem kaum lösbaren Dilemma, mit traditionsverhafteten Berufsoffizieren aus dem Dritten Reich eine völlig neue, demokratische Armee zu schaffen. Beispielhaft dafür ist die "Himmeroder Denkschrift" vom 9. Oktober 1950, die in einem Eifelkloster an verschwiegenem Orte entstand. Entworfen wurde sie von acht. Generalen, zwei Admiralen und fünf Stabsoffizieren der ehemaligen Wehrmacht. Im Auftrage Bundeskanzler Adenauers sollten sie "über die Aufstellung eines deutschen Kontingents im Rahmen einer übernationalen Streitmacht zur Verteidigung Westeuropas" nachdenken. Zu den Experten gehörten "Männer der ersten Stunde" wie Heusinger, Speidel, Baudissin, Kielmannsegg und Rüge. Die Denkschrift, ein Kompromiß aus Altem und Neuem, wurde kritisch ergänzt durch Adenauers Sicherheitsberater, den ehemaligen Panzergeneral Graf Schwerin. Diese "Geburtsurkunde der Bundeswehr" wird im Juni-Heft der Militärgeschichtlichen Mitteilungen, Band 21, zum erstenmal im vollen Wortlaut veröffentlicht (herausgegeben vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg/Breisgau).

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"Ebenso wichtig wie die Ausbildung des Soldaten ist seine Charakterbildung und Erziehung. Bei der Aufstellung des deutschen Kontingents für die Verteidigung Europas kommt damit dem inneren Gefüge der neuen deutschen Truppe große Bedeutung zu. Die Maßnahmen und Planungen auf diesem Gebiet müssen und können sich auf dem gegenwärtigen Notstand Europas gründen. Damit sind die Voraussetzungen für den Neuaufbau von denen der Vergangenheit so verschieden, daß ohne Anlehnung an die Formen der alten Wehrmacht heute grundlegend Neues zu schaffen ist. Dabei muß auch berücksichtigt werden, daß in den letzten Jahren die Wehrbereitschaft des deutschen Volkes stark gelitten hat...

Der Soldat des deutschen Kontingents verteidigt zugleich Freiheit im Sinne der Selbstbestimmung und soziale Gerechtigkeit. Diese Werte sind für ihn unabdingbar. Die Verpflichtung Europa gegenüber, in dem diese Ideale entstanden sind und fortwirken sollen, überdeckt alle traditionellen Bindungen. Name und Symbole sind darauf abzustimmen.

Bei allem Vorrang europäischen Zusammengehörigkeitsgefühls ist die gesunde Vaterlandsliebe zu pflegen, die weiß, daß sie mit den Idealen und Gütern Europas auch die deutsche Heimat und Familie verteidigt.

Das deutsche Kontingent darf nicht ein "Staat im Staate‘ werden. Das Ganze wie der einzelne haben aus innerer Überzeugung die demokratische Staats- und Lebensform zu bejahen. Doch ist aus Gründen der inneren Festigkeit der Truppe ihre überparteiliche Haltung zu fordern.

Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit, die Grundrechte des einzelnen für die Dauer des Wehrdienstes einzuschränken: