Wieder einmal ist jemand unter die "Fliegenbeinzähler" gegangen, wie man gern selbstspöttisch in der Kommunikationsbranche sagt. Er hat an elf Tagen im Juni 1975 rund 6000 Nachrichtenmeldungen von Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen gelesen und gehört und danach in Teamarbeit untersucht, nach welchen Kriterien gerade diese Auswahl von den "Schleusenwärtern" wohl getroffen worden war (oder sein könnte). Es lagen 220 000 Daten vor, die unter 38 Kategorien subsumiert waren. Die Absicht dieses Zahlenspiels war, eine gewisse Klarheit darüber zu gewinnen, was in den einzelnen, Medien und in deren speziellen Erscheinungsformen als "nachrichtenwürdig" gelte. Schließlich werden ja von 100 in einzelnen Redaktionen einlaufenden Nachrichten oft nur zehn oder 15 an die Öffentlichkeit weitergereicht.

Nicht nur für den Fachmann, sondern auch für den interessierten (und ein wenig vorgebildeten) Laien vermittelt

Winfried Schulz: "Die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien. Analyse der aktuellen Berichterstattung"; Verlag Karl Alber, Freiburg 1976; 140 Seiten, 26,– DM

einen exzellenten Aufriß der Nachrichtenwertordnungen, die sich einzelne Zeitungen (von der FAZ bis zu "Bild"), einige Rundfunkhäuser (München, Frankfurt, Köln) und die beiden Fernseh-Systeme (ARD, ZDF) gegeben haben. Es mußte bei einem Aufriß freilich bleiben, weil der Durchschaubarkeit und der Kosten wegen nur elf Tage eines Jahres in die Untersuchung einbezogen wurden.

Natürlich läßt sich über die Kriterien, an denen der Nachrichtenwert gemessen worden ist, streiten. Aber man wird der Arbeit von Winfried Schulz schon deshalb seinen Respekt nicht versagen dürfen, weil es ihm gelungen zu sein scheint, sowohl das Boulevardblatt wie seriöse Zeitungen, sowohl die "leichte" Rundfunkwelle wie die gewichtigere und auch das gesamte Fernsehen in kategoriale Ordnungen hineinzuzwängen, die aussagekräftig sind. Der Nachrichtenwert resultiert für alle unter anderem aus Aktualität, räumlicher Nähe eines Ereignisses (Sendebezirk), politischer Nähe (angrenzendes Land), Relevanz (großer Kreis von Betroffenen), Prominenz (Staatsmann, Star), Überraschungseffekt, Konfliktcharakter, Schadenseffekten und Erfolgseffekten des Ereignisses.

Natürlich quillt das Buch (vom Bundespresseamt als Gutachten in Auftrag gegeben) von Statistiken über, aber sie sind durch eingängig geschriebene Erläuterungen mit einer Einladung zur Lektüre versehen, der man gern folgt. Das Tabellenmaterial ist so aufbereitet, daß es jederzeit wie Ton in des Töpfers Hand auch für Erkenntnisse aus immer wieder neuem Blickwinkel zur Verfügung steht; insofern scheint der Ausarbeitung ein pädagogischer Zug für alle Eleven der Statistik beigegeben. Freilich bleibt in Erinnerung zu rufen, daß insbesondere beim Hörfunk seit Jahren die konventionelle Nachrichtensendung (8.00, 9.00, 19.00, 20.00 Uhr) von einer in den Magazinen praktizierten Nachrichtengebung unterlaufen wird, die mit großem Erfolg nicht auf Stunden-, sondern auf Minuten-Aktualität aus ist. Sie entzieht sich leicht jeder Statistik und ist in manche wissenschaftliche Überlegungen noch gar nicht eingedrungen.

Fritz Brühl