Hans-Dietrich Genscher bricht alle Reiserekorde – ein globaler Figaro, bald hier, bald dort, doch immer nur kurz, noch aus den Vorzimmern seiner Gastgeber mit Bonn telephonierend: Seine Ubiquität, der Bundesminister des Auswärtigen.

Diese Woche ist er für zehn Tage nach Südostasien aufgebrochen – nach Indien, Sri Lanka, Singapur und Indonesien. Im Mai wird er gleich, zweimal in London sein, zum Weltwirtschaftsgipfel und zur Nato-Konferenz. Im Juni berät er in Moskau mit Gromyko und begleitet den Bundespräsidenten nach Mexiko. Und richtig, fast vergessen: Mitte Mai will er auch noch nach Zaire und im Anschluß daran nach Gabun, nebenan.

Ein Außenminister, der so viel auf Achse ist – kann der wirklich Außenpolitik machen? Hier ein Tag, zwei Gespräche, eine Unterschrift unter ein Abkommen; dort ein Tag, drei Gespräche, zwei Unterschriften. Da lebt er notgedrungen von seinem Apparat, vom Sprechzettel direkt in den Mund. Gibt er Impulse ins Auswärtige Amt hinein? Hat er Zeit, über Konzepte nachzudenken? Über ein Konzept? Der Augenschein spricht dagegen. Nichts bewegt sich so recht von der Stelle, nichts gewinnt scharfe Umrisse, die großen Fragen bleiben ohne Antwort: Ostpolitik, Nordsüdpolitik, MBFR.

Nebenher ist Hans-Dietrich Genscher Vizekanzler und FDP-Chef, Parteiredner und Wahlkämpfer in Permanenz. Nebenher? Manche, die ihn beobachten, meinen, das sei seine Hauptbeschäftigung. Selbst ein Arbeitspferd, selbst ein Heiliger mit der Gabe der Bilokalität wäre da überfordert. Als Erich Mende Stellvertreter des Kanzlers und Parteiführer der Liberalen war, leitete er das Gesamtdeutsche Ministerium – das war des Guten genüg. Seitdem wollen die Vizekanzler höher hinaus. Aber wie und wann kann ein Mann heute noch beides leisten, Auswärtiges Amt und Parteiamt?

Die Frage soll wenigstens einmal gestellt sein: Ist die Außenpolitik nicht zu wichtig, als daß wir sie überbeschäftigten Parteivorsitzenden überlassen dürften? D. St.